Um eine "Wende zum Weniger" geht es. In immer neuen Anläufen umkreist Bernd Ulrich dieses Leitmotiv. Was er ganz ernst nimmt, verdient auch ernst genommen zu werden: Wer um 1950 in einem der westlichen Länder geboren sei, argumentiert Ulrich, lebe in einem "Zeitkorridor" aus Freiheit und wachsendem Wohlstand, ja, "in der privilegiertesten Epoche der Menschheitsgeschichte".

Nun müsse man sich, schon mit Rücksicht auf die künftige Lebenswelt, auf ein allmähliches Ende der exponentiellen Steigerung des Wachstums einrichten.

Der Konservatismus im eigentlichen Sinne sei "in Deutschland neuerdings ziemlich unbehaust", heißt es einmal. Unwillkürlich kommt dabei Erhard Eppler in den Sinn. Seine Thesen, "Ende oder Wende", 1975 veröffentlicht, knüpften an die Einsichten des Club of Rome an, das Wachstum stoße an Grenzen, jedenfalls müßten sie dringend gezogen werden. Dem herrschenden Strukturkonservatismus stellte er seinen Wertkonservatismus entgegen. Das frühe Wende-Postulat zugunsten der Lebenswelt und künftiger Generationen gründete auf den Annahmen über den Verbrauch von Rohstoffen und über das Bevölkerungswachstum. Nicht zuletzt hatte Eppler die Verzerrungen zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden im Blick. Lang ist's her. Wer schaut noch hin?

Nein, das ist keine Abschweifung. Ulrich bietet in dieser "wertkonservativen" Tradition verschiedene Begründungen für die Wende, die ohnehin komme.

Billiges Öl werde es künftig nicht mehr geben die Natur lasse sich nicht mehr länger als Schatztruhe und Mülltonne des Industriesystems ebenso kostenarm wie folgenschwach nutzen technischer Fortschritt mit der Vielzahl von Erfindungen sei künftig kein Allheilmittel mehr und seit 1989 wanderten die Sorgen in den Westen.

Was solche objektiven Zwänge und Veränderungen betrifft, kann man Ulrich folgen. Aber er wechselt an der Stelle das Thema. Weshalb kommt es zu der Wende partout nicht? Ulrich wirft zwar auch der Politik vor, die Barrieren gegen diese Veränderungen noch sperriger zu machen, der Hauptadressat seiner Kritik sind vor allem aber "wir", die es mit dem Individualismus zu sehr übertreiben. Wirklich? Den Leuten müsse von Politikern und Journalisten reiner Wein eingeschenkt werden, drängt er: Wir seien nicht Opfer einer Krise, die von außen kommt, vielmehr komme sie "vom Westen und von unten".

Auch das ist, scheint mir, in der Blickrichtung nicht falsch. Und dennoch ist einiges an dem Gesamtbild gelegentlich zu ungenau, gelegentlich zu ambitiös.