Ah, wie die Köpfe im Präsidium, im Zentralkomitee, in der Chefredaktion geraucht haben mögen, wie die Argumente fetzten, die kleinen Beleidigungen, Unterstellungen, Stolpersätze über den Beratungstisch hinter der glatten Niemeyer-Fassade des Parteihauses hin- und herfegten, wie die Altgenossen die tausendfach aufgesagten Parolen fistelten, wie die Jungen scheppernd lachten, ein wenig zu beflissen, wie es in allen Ämtern ist, wenn der Chef ein Scherzchen macht.

Novizen, Laienbrüder und -schwestern, Ungeweihte überhaupt lasen über die Nuancen stets achtlos hinweg, nicht ahnend, daß die Veränderung von ein paar unscheinbaren Worten im Untertitel als Sakrileg und Verrat denunziert, von den Dissidenten aber als ein Signal des Aufbruchs bejubelt wurde. Als die Humanité vor fünf Jahren aufhörte, das "Zentralorgan der Kommunistischen Partei" zu sein und sich fortan bescheidener Tagblatt der kommunistischen Partei nannte, brach für manchen eine Welt zusammen.

Man hatte schließlich auch in den höchsten Rängen der KPF zur Kenntnis genommen, daß man mit dem "Organ" pueriles Gekicher riskierte und zugleich die ostkundigen Bürger erschreckte: denn GPU, MWD, NKWD oder Stasi - was immer die Kürzel des Grauens waren - stand für das "bewaffnete Organ" der Partei. Das aber hieß: für Kerker, Folter und Tod. Indes, die Titel-Kosmetik machte L'Humanité weder jung noch flott. Die Auflage, die 1986 noch bei knapp über 100 000 Exemplaren lag, war ein Jahrzehnt später auf 58 000 gesunken.

Sparmaßnahmen reduzierten zwar das Defizit, doch den Großen Bruder, der dank seiner unerschöpflichen Kassen jedes Minus ausglich, den gibt es nicht mehr.

Die Gevattern von der Gewerkschaft CGT müssen die Groschen der Werktätigen behutsam verwalten, und die Staatszuschüsse, von denen alle Zeitungen profitieren, gleichviel auf welche Fahne sie schwören, sind karg. Zur Aufnahme fremden Kapitals konnten sich die timiden Reformer um M. Robert Hue, den Herrn mit dem biedermeierlichen Seemannsbart, denn doch nicht entschließen.

Journal communiste soll das Blatt künftig heißen. Ob das der Zeitung den großen Aufschwung bescheren wird, steht dahin. Die kühnsten der Genossen wollten auf die ominöse Vokabel ganz und gar verzichten, ja sie wollten die Partei nach italienischem, spanischem, polnischem, tschechischem, ostdeutschem Vorbild umbenannt wissen. Solcher Frevel scheuchte den einstigen Generalsekretär Georges Marchais aus dem Ruhestand. Sein Nachfolger Hue, erklärte er in ebender Humanité, habe zwar alle Neigungen zu einer Umtaufe energisch dementiert, aber er stelle fest, daß die Debatte "in einem gewissen Milieu" fortgeführt werde. Nach einem "Schwarzbuch der Kommunisten" befragt, das in Kürze erscheinen soll, rief der Altstalinist, niemals hätten sich die französischen Kommunisten eines Verbrechens schuldig gemacht, niemals die Hand gegen die Freiheit erhoben. Die Verbrechen, die anderswo "im Namen des Kommunismus" begangen wurden, seien in Wahrheit seine Verneinung. Es gelte nun, vorwärtszuschreiten und eine "kommunistische Partei neuen Typs" zu schaffen. Er selber habe ein Buch geschrieben, das ganz der Zukunft gewidmet sei: "Kein Buch, glauben Sie mir, eines Tempelwächters der alten Dogmen!"

Wir dürfen eine erregende Lektüre erwarten, die unsere Nächte erhellen wird, wie das Studium der Humanité den grauen Alltag allemal überglänzt. Vielleicht sagt uns Kamerad Marchais in seinem Werk, warum de Gaulle die Kommunisten so sehr gefürchtet hat, daß er es 1944 vorzog, die Erfüllungsgehilfen des Vichy-Regimes vom Schlage des Präfekten Papon in ihren Ämtern zu dulden, damit sie für Ruhe und Ordnung sorgten: der Anfang eines Verdrängungsprozesses, mit dem sich Frankreich ein halbes Jahrhundert danach auf schmerzliche Weise konfrontiert sieht.