Kurzer Prozeß im Knast, Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel, erste Lesung aus der ZEIT-Reihe "Vor Gericht". Unter einer Wand aus grob behauenen Natursteinen wartet der Besucher vor einer winzigen Metallpforte, auffällig beäugt von Überwachungskameras. Die Drahtrollen winden sich in verschwenderischer Fülle über Mauerkronen, Regenrinnen und Portalen. Viele Helden der Reihe "Vor Gericht" mußten einen ähnlichen Weg gehen, nun folgt ihnen der Autor.

Bei der Leibesvisitation in der Eingangsschleuse meldet sich das klamme Gefühl: Hoffentlich komme ich hier wieder heraus. Die Schließer kennen die latente Furcht desjenigen, der zum ersten Mal eine Haftanstalt betritt.

"Keine Sorge, wir sind hier vollkommen überbelegt. Freiwillig behalten wir niemanden hier."

Wer weiß, wie Inhaftierte meine Gerichtsreportagen aufnehmen? Hinter den Festungsmauern sitzen mit Sicherheit keine wohlwollenden Zeitungsleser.

Bedrohlich aber, wie man es von "gefährlichen Kriminellen" erwarten sollte, wirken die Männer auf den ersten Blick nicht. Besondere Sicherheitsvorkehrungen wurden für den Gast im Knast nicht getroffen.

Befürchtungen, ich könne von Gefangenen beschimpft und ausgebuht werden, erweisen sich als unbegründet. Ich lerne Straftäter als höfliche Gastgeber kennen artig wird die Hand gegeben. Man freue sich immer, wenn überhaupt mal jemand vorbeikomme, erklärt ein Inhaftierter.

Aber selbst im Knast ist die Konkurrenz für Autorenlesungen hart. In Kiel muß ich gegen die Fernsehübertragung eines Europacupspiels antreten, trotzdem wollen mir dreißig Gefangene zuhören. In Wolfenbüttel findet die Lesung in der überfüllten "Bibliothek" - einer Art Waschkeller - statt. Genau wie die übrige Bevölkerung bevorzugen die Insassen den satten Mix aus Krimis und Bestsellern. Nebenan im Kraftraum, einem Muß in jeder Anstalt, schwitzen und stöhnen die "Eisenfresser".