PRIEROS. - Als das Ende der deutschen Teilung bejubelt wurde, die D-Mark den Osten eroberte und westliche Baumärkte leer gekauft wurden, Leipziger nach Mallorca düsten und Rudel von westdeutschen Geschäftsleuten die neuen Märkte auskundschafteten, reagierte meine Freundin Adelheid zwar begeistert, doch eher juristisch. Sie triumphierte, als sich Ost und West vor Freude weinend in den Armen lagen: "Jetzt kriegen die im Osten endlich den Rechtsstaat!" Für die Rechtsanwältin Adelheid Koritz-Dohrmann war dies die alles entscheidende Veränderung.

Heute haben die Koritzens wie viele Westberliner ein Häuschen jenseits der früheren Grenze. Sie können es sogar von Berlin aus mit dem Boot erreichen, immer die Havel runter bis zum Streganzer See nach Prieros. Das Grundstück ist so geräumig, daß wir es für einen Spaziergang nicht verlassen müssen.

Adelheid in Schwarz. Sie liebt Schwarz, schwarz wie der Talar, den sie im Gerichtssaal trägt. Meine Hunde toben übers Gelände, Adelheids Möpse beobachten sie aus sicherer Entfernung.

Durch den Kanal, rechts neben dem Grundstück, donnert ein Motorboot: "Für die wurde der Kanal verbreitert, für die Genossen mit ihren dicken Booten, damit sie vom Nachbarsee zu diesem freie Fahrt haben. Dafür haben sie 1985 dies Grundstück verkleinert, rigoros siebzehn Grenzsteine verrückt - was überall auf der Welt strengstens verboten ist. Niemand ist jetzt interessiert, den alten Zustand wiederherzustellen." Bei einem früheren Besuch hatte Adelheid einer Freundin und mir das mit dem Kanal zu erklären versucht, aber wir konnten nicht recht verstehen, wie man sich bei einem so großen Grundstück über so eine winzige Verkleinerung aufregen kann. Adelheid wiederum verstand nicht, daß wir nicht kapierten, worum es ging: um das Recht.

Die ehemalige Besitzerin hatte, obwohl ebenfalls Juristin, die Grenzverschiebung nicht verhindern können. Sie war die Witwe von Max Lingner.

Ein Messingschild am Tor verrät: "Hier arbeitete der Maler und Zeichner Max Lingner (1888-1959) nach seiner Rückkehr aus der französischen Emigration."

Von Lingner stammt das Wandbild an der Fassade des Hauses der Ministerien, heute Sitz des Bundesfinanzministeriums. Das Grundstück in Prieros konnte er 1955 für seine junge Frau kaufen, nachdem er den Nationalpreis erhalten hatte, der mit 50 000 Mark dotiert war. Adelheid will einen Freundeskreis Max Lingner gründen, der sich um die Hinterlassenschaft des Künstlers kümmert, dessen Bilder "bei den Nazis verboten waren, in der DDR selten zu sehen, weil Lingner nicht staatskonform und jetzt kaum, weil er Kommunist war". Sie zeigt über den See: "Da drüben war der Landsitz von Wilhelm Pieck, mit dem war Lingner befreundet."