Moskau

Nachdenklich wiegt die alte Dame ihren Kopf. Ob ihr berühmter Onkel je im Mausoleum auf dem Roten Platz liegen wollte? "Niemand weiß, wie er darüber dächte", befindet Olga Dmitrijewna Uljanowa, Wladimir Iljitsch Lenins Nichte.

"Das Mausoleum ist für die Menschen gemacht, die Lenin dafür danken, daß er sein Leben der sozialen Gerechtigkeit geopfert hat. Insofern", sagt die 75jährige Nachfahrin mit sanfter Stimme, "kann man ihn mit Christus vergleichen, der ja auch für Gerechtigkeit eintrat." Jedoch nicht in einem Mausoleum liegt. "Nein, aber Lenin ist christlich begraben. Er liegt nämlich drei Meter tief in der Erde unter dem Roten Platz." Olga Uljanowas Urteil hat Autorität. Sie ist die nächste noch lebende Angehörige der Leiche jenes Mannes, die in diesem Jahrhundert tausendmal verdammt und tausendmal heiliggesprochen wurde.

Vor der kostbarsten Reliquie der untergegangenen Sowjetunion bildeten sich in diesen Tagen erstmals wieder Menschenschlangen. Denn der 80. Jahrestag der "Großen Sozialistischen Oktoberrevolution" fällt auf den Freitag dieser Woche, und am Freitag ist das Mausoleum immer zu. Das ist bitter für alle Liebhaber Lenins. Sein gescheitertes Experiment, den Menschen Gleichheit, Glück und Gesinnung mit Gewalt einzubläuen, findet in Rußland noch immer Zuspruch. 47 Prozent der Bevölkerung halten den 7. November für einen "großen Feiertag", und die Kommunisten sind immer noch die stärkste Partei im Land.

Der Einzug des Kapitalismus hat der fahlgelben Mumie unter dem Roten Platz nichts anhaben können. Seit seinem Tode 1924 ruht Wladimir Iljitsch im gläsernen Sarkophag und verläßt diesen nur zu einem gelegentlichen chemischen Vollbad, damit er frisch und faltenfrei bleibt.

Doch gibt es Blasphemiker, die im Duktus des großen Theoretikers des wissenschaftlichen Sozialismus die dreiste Frage stellen: "Was tun - mit Lenins Leib?" Zu ihnen gehört auch der russische Präsident. Boris Jelzin hat sich mehrmals über die Leichenschau im Soz-Art-Stil erregt: "Der Rote Platz darf kein Friedhof sein!" Er kündigte ein Referendum über den Revolutionär an. Der Regisseur Mark Sacharow forderte schon zu Perestrojka-Zeiten öffentlich: "Unsere christlich-orthodoxe Hauptstadt sollte in ihrem Herzen keine furchtbare heidnische Grabstätte haben."

Soll also der vom Moskauer Zentrum für Biologische Strukturen Gesalbte in die Erde verbannt werden, auf daß er der Wühlarbeit der Würmer anheimfalle? Nach einer Umfrage des Instituts für Soziologische Studien sind 54 Prozent der Russen für die Beerdigung Lenins, 32 Prozent dagegen. Hartnäckig hält sich das Gerücht, Lenin selbst wollte neben seiner Mutter auf einem Friedhof in St. Petersburg begraben werden. Seine Witwe Nadeshda Krupskaja habe dies vor Parteigenossen in den dreißiger Jahren gesagt. Doch eine Aktennotiz darüber ist niemals aufgetaucht.