Die Stelle scheint ziemlich gut gewählt. Eine kleine Ebene knapp über dem Meer. Vulkankegel schützen vor dem beständigen Passat. Steine, Gestrüpp, Stille. Abgelegen und menschenleer ist die Dehesa, die Steppe am südwestlichsten Ende Europas.

Auf El Hierro, der kleinsten Kanarischen Insel, plant Spaniens konservative Regierung eine Abschußrampe für die im Lande entwickelten Kleinraketen Argo und Capricornio. Von der unerschlossenen Südküste aus will die staatliche Raumfahrtagentur Inta leichte Satelliten aus dem In- und Ausland in niedrige Umlaufbahnen schießen. Und damit im Zeitalter von Handys und Bildtelephonen gutes Geld verdienen: "El Hierro verfügt über Stellen, von denen aus sowohl polare als auch äquatoriale Umlaufbahnen angesteuert werden können. Das bieten die wenigsten Rampen der Welt."

Die Raumfahrtingenieure der Firma Bechtel National Inc. aus San Francisco waren von der Insel begeistert. Und manch ein spanischer Politiker jubilierte bereits, El Hierro könnte zum führenden Weltraumbahnhof Europas werden - näher am Kontinent als Französisch-Guyana und wettersicherer als die Esa-Rampen in Norwegen und Schweden.

Auf den anderen Kanareninseln bedenkt man El Hierro noch gerne mit Beinamen wie el culo del mundo, der Arsch der Welt. Umgeben vom Tausende Meter tiefen Atlantik, die Strömungen tückisch, die Küste schwarzfelsig, lag die Insel jahrhundertelang fernab. Noch vor ein paar Jahren kamen gerade mal zwei Schiffe pro Woche aus Teneriffa. Erst seit 1979 hat die ganze Insel Strom.

Ein tropischer Blumentopf im Atlantik mit 277 Quadratkilometern, ein bißchen mehr als Frankfurt. Die Hauptstraße zwischen Valverde und Frontera, kaum acht Luftlinienkilometer voneinander entfernt, würde bei der Tour de France als Berg der ersten Kategorie zählen. 27 Kilometer, Serpentinen, Kurven, 1350 Meter hoch der Paß. Hier oben ist der Himmel oft grau, weil sich die Passatwolken an den erloschenen Vulkanen stauen. Aus diesem Nebel speist sich der größte Pinienwald des Archipels, für den stacheligen Süden bleibt kein Dunst mehr übrig.

Jeden Abend vor der Dämmerung bestellt sich der alte Joaquøn in der kleinen Bar an der Hauptstraße von San Andres ein kleines Bier. Zwei, drei schwarze Zigaretten später zieht er los mit seinen Ziegen durch das Hochland. San Andres, Las Rosas, runter nach Isora. Zwischen Steinwällen, unter Feigenbäumen, vorbei an vielen verlassenen Häusern. Auswanderungsland. Kuba, Argentinien, Venezuela. Die Ziegen, die kleinen Kartoffelfelder im Altoplano, die Weinhänge um Frontera, die Feigen, Käse und ein wenig Fischfang konnten selbst die wenigen Herreños auf Dauer nicht satt kriegen. 1940 wohnten hier einmal 9500 Menschen, 1980 nur noch 6500, heute sind es wieder knapp 8000.

Und sogar die Pauschaltouristen, die eine Kanareninsel nach der anderen eroberten, ließen das kleinste Eiland links liegen. Bis heute. Nur einer von 1600 Kanarenbesuchern verirrt sich hierher. El Hierro hat keine Vergnügungsparks, keine Shopping Malls, keine Golfplätze und nur einen einzigen Sandstrand, was letztlich der Grund ist, warum auch all das andere fehlt.