Allein schon die Farbe seines Wassers. Diese Tönung, etwas anders als woanders. So gar nicht türkisblau, eher grünbraun, mit einem Stich von irgendwas. Und diese Kronen bei Wind, muß man gesehen haben. Wenn das Wasser giftig aufschäumt und all die Enten ans Ufer schwappt. Aber es ist ja nicht nur die seltsam anmutende Farbe des Wassers, es ist - die Lage!

Glaubt man ja nicht. Sanft gewölbte Hügel ringsum, reichlich Wald, reichlich Wiesen, nur ab und zu der stoßende Atem eines Joggers, der störend in die Stille bricht. Ein Ort der Ruhe, voll von Poesie, sicher oft schon romantisch besungen - möchte man glauben. Is abba nich.

Wir befinden uns diesseits der Alpen. In Essen, am Ufer des Baldeney-Sees, um genau zu sein. Liebenswerte acht Kilometer ist er lang und bis zu gut sechshundert Meter breit. Der Ruhrgebietsmensch nennt ihn verzückt Lago di Baldino - viele andere in der Republik haben ihn dagegen gar nicht auf der Karte. Schmählicherweise. Brettern Jahr für Jahr gen Süden und wissen nicht, was ihnen da für teures Geld entgeht.

Oh, Baldeney-See, du blaue Perle an der Ruhr!

Ein schöner Satz. Auch wenn er Fragen aufwirft: Wie muß es um die Unabhängigkeit des Reporters bestellt sein? Kann sich jemand, der so denkt und fühlt, überhaupt unbefangen dem Thema Baldeney-See nähern? Wo ist die bohrende Recherche, das wägende Urteil? Antwort: Gibtet nich, gezz nich.

Wann es genau gewesen ist, daß sich der Baldeney-See unauslöschlich in das Herz des Berichterstatters gegraben hat? Die Erinnerung ist schemenhaft. Sie reicht zurück zu diesen endlosen Spaziergängen in Kinderschuhen, so um 1960 herum. "Wir gehen an die frische Luft", eigentlich langweilig wie nur was. Sonntag für Sonntag, "kannst nachher auch Enten füttern", erst in die St.-Georg-Kirche von Essen-Heisingen, dann ab die paar Meter runter zum See. Die Tüte mit dem alten Brot in der Hand. Am Ende warteten die Enten schon. So etwas prägt natürlich.

Aber es gab auch Gespräche. Gute Gespräche. Während sich hoch oben im Förderturm von Zeche Carl Funke surrend die Räder drehten, redeten Vater und Sohn über dies und das. Vor allem aber über Ruth Litzig. Ruth Litzig war spannend, denn sie war "eine Rekordschwimmerin". Sonntag für Sonntag - "Papi, wie war das mit Ruth Litzig?" - ging es fast nur um sie. Leider ist ihre Geschichte eine Geschichte ohne Happy-End. Denn sie ist tot. Der Baldeney-See hat ihr kein Glück gebracht.