Kaum ist die Freude über den Start der unbeladenen Ariane 5 verglüht, hat der Alltag die Techniker in Kourou wieder. Ihre nächsten Raketen werden mit Satelliten vollgestopft sein. Firmen wie Globalstar, Celestri und Teledesic kaufen rund um den Erdball soviel Laderaum wie nur irgend möglich. Sie wollen kleine, 450 Kilo schwere Satelliten in Rudeln auf niedrige Erdumlaufbahnen schicken. In der ersten Dezemberwoche werden gleich 22 Globalstar-Satelliten von den Raumbahnhöfen in den USA, in Kasachstan und in China starten, im Frühjahr sollen 26 weitere folgen. Bei Celestri stehen 70 Satelliten auf dem Plan, bei Teledesic gar 840 Stück. Keine Frage, die Leos (Low Earth Orbit Satellites) kommen.

Leos sind Satellitentiefflieger, die 700 bis 1500 Kilometer über der Erde ihre Bahnen ziehen. Zum Vergleich: Die Raumstation Mir fliegt in 400 Kilometer, die geostationären Satelliten in 36 000 Kilometer Höhe. Die Leo-Protagonisten sind überzeugt, daß ihre Satelliten die Erfolgsgeschichte des Internet locker in den Schatten stellen werden. Schon zwei Leos können ein Netz bilden, im Durchschnitt sind 25 Satelliten geplant.

Handliche Billigterminals und Funkmodems sollen die direkte Verbindung zu den kleinen Leos herstellen und eine neue Welt der Kommunikation eröffnen. Im Gegensatz zu Motorolas Iridium-Projekt (66 Satelliten, 17 bereits im Orbit), einem Welttelephon allein für gutbetuchte Geschäftsleute, ist die datenorientierte Lösung mit Blick auf die Dritte Welt konzipiert worden. Das Globalstar-System vom ehemaligen Waffentechniklieferanten Loral will vorerst Indien und China bedienen. Celestri, ein Venture von Motorola und Matra Marconi, hat es zunächst auf Afrika abgesehen.

Ursprünglich waren die Leo-Systeme für den Scada-Datenverkehr konzipiert worden (Supervisory Control and Data Acquisition). Darunter fallen etwa Umweltüberwachung, das Management einer Ölpipeline oder die Steuerung einer Lkw-Flotte. Das soll sich nun ändern: Weil immer mehr Daten per Handy übertragen werden und bald billige Netzcomputer den Markt erobern sollen, bekommen die Leos nun eine neue Rolle als Knoten eines weltweiten föderalen Datennetzes. Die Leo-Betreiber treten damit in Konkurrenz zu den alten Telephonriesen und den immer stärker werdenden Verlegern von Glasfaser-Unterwasserkabeln. Entsprechend kämpferisch geben sie sich denn auch: "Die Tyrannei der Entfernung muß gebrochen werden", hieß es in dem Papier, mit dem sich der Leo-Verband im letzten Jahr bei einer Konferenz der Genfer Union für Telekommunikation vorstellte, auf der die Frequenzen verteilt wurden.

In diesen Tagen kommt man wieder in Genf zusammen. Jetzt stehen sehr irdische Probleme auf dem Programm: Länder wie China und der Iran wollen Leo-gestützte Technik vorerst nicht einreisen lassen - damit ihnen das verhaßte Internet nicht durch eine Hintertür ins Land kommt. Da stellt sich natürlich die Frage, wie technikunkundige Grenzschützer die bodenständigen Netzgeräte überhaupt von gewöhnlichen Laptops unterscheiden sollen.

Auch bei den Telephongesellschaften hat der Leo-Vorstoß Reaktionen ausgelöst. Die wollen sich jetzt auf die ganz langen Strecken konzentrieren. In den Forschungslabors von MCI arbeitet Vint Cerf, ein Miterfinder des Internet-Protokolls TCP-IP, mit einem Team an einer neuen IP-Variante. Diesmal steht das Kürzel aber für Interplanetary Protocol, das die Datenkommunikation zwischen Mars, Mond und Erde sichern soll. Dort hat die Internetkarte noch weiße Flecken.

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