Verehrte Leser! Sie lesen dies, nehmen wir an, zu Hause. Der maßlos heiße Hochsommer mit seinem Wurmfortsatz, dem überbrüteten September, ist endlich ausgestanden, der heitere Oktober (Gold in den Blättern und auf allen Wegen) hat sein verdientes Ende ausgeächzt. Herbststürme verrichten ihr jährliches Werk, die ersten Nachtfröste haben die Äpfel innen taub gemacht, die Luft schmeckt nach November.

Und allen läuft's begehrlich schon das Rückenmark hinunter: Die Reisezeit beginnt bald wieder! Ihre Filiale um die Ecke lockt mit halbnackten Pobacken, von denen tunesischer Sand rieselt. Indische Nasenflügel, mit Straß und kleinen Perlen reich verziert wie hierzulande nur die Ohren der Fleisch-Fachverkäuferin im Supermarkt, erzählen von Tausendundeiner Nacht. In der Karibik braust das Blut im Salsa-Rhythmus durch die Adern, und die früheren Sklavenvölker warten nur darauf, mit diesem unglaublich herzlichen Lächeln einen Ananas-Cocktail gratis zu servieren. Schon um der alten Zeiten willen.

Aber warum so weit, wenn man die Sonne und eine komplette Mahlzeit ganz umsonst noch viel, viel billiger bekommen kann? Auf die Insel Mallorca fliegt man an einem Tag hin und zurück für 95 Mark. Das macht vom Morgen bis zum Abend: 1678 km Strecke, zweieinhalb Stunden Wartezeit am Flughafen, einen Begrüßungscocktail, zwei Sandwiches, Salat, ein süßes Stückchen und Kaffee und mindestens ein Nickerchen am Strand. Und dann, am nächsten Tag: die neidischen Kollegen im Büro, denen man beiläufig erzählt, man sei gestern mal eben ... Booah ey!

Natürlich kann niemand befürworten, daß diese Milliarden Chinesen alle einen VW bekommen (und schon gar keinen Toyota!) - man würde ja ersticken. Die Sonne über Sylt, sie würde dunkelgrau vor Sorge! Andererseits ist es doch mies und kleinlich, uns Europäer, die wir so Sachen wie "Eigenverantwortung", "streitbaren Universalismus", "epochale Herausforderungen", den grünen Punkt und "potentielle Lösungen" erst erfunden haben, gerade an dieser Stelle beim Wort zu nehmen.

Der Liberalismus ist schon eine feine Sache, wenn er von den richtigen Leuten ausgeübt wird, mit Augenmaß, Kultur und Weitblick und so weiter. So laß nicht Winters rauhe Hand in dir / Den Sommer tilgen, eh dein Saft gezogen / Füll deinen Kelch - mit süßer Hoffnung, bittrem Wahn: Vielleicht halten Mallorca, die Wolken und die Welt uns Schwadronierer noch ein wenig aus. Noch dreißig, vierzig, fünfzig Debatten über die Flugbenzinsteuer, noch ein paar Weltkongresse, Klimagipfel, nur noch ein klein bißchen Geduld. Dann legen wir die farbigen Prospekte aus dem Reisebüro und die Essays zur freien Gesellschaft, zum mündigen Bürger usw. auf einen großen Stapel Altpapier. Gemeinsam.

Finis