Bildung und Elite: Wissen ist die wichtigste Ressource

Vor einem halben Jahr habe ich einen neuen Aufbruch in der Bildungspolitik gefordert. Bildung, so sagte ich damals, muß in unserem Land zum "Megathema" werden, wenn wir uns in der Wissensgesellschaft des nächsten Jahrhunderts behaupten wollen.

Ich weiß, daß die Debatte über die Reform unseres Bildungswesens in vollem Gang ist. Aber es sind nur die Experten, die über den Wert des Abiturs, über die Erneuerung des dualen Ausbildungssystems, über verkürzte Regelstudienzeiten und neue Studienabschlüsse streiten. Viel zu selten erreicht die Diskussion die Titelseiten unserer Zeitungen und Zeitschriften. Deshalb mündet die Debatte nicht in wirkliche Veränderungen.

Ich wage mich heute auf vermintes Gelände. Aber wir dürfen diese Diskussion nicht nur in den Ländern führen. Sie ist auch nicht nur den Spezialisten und Lobbyisten vorbehalten. Eltern, Lehrer, Schüler und Studenten müssen sich beteiligen - mit einem Wort: wir alle. Denn es handelt sich um eine der ganz großen Zukunftsfragen unseres Landes. Wir brauchen eine breite, nationale Debatte über die Zukunft unseres Bildungssystems!

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Wissen ist heute die wichtigste Ressource in unserem rohstoffarmen Land. Wissen können wir aber nur durch Bildung erschließen. Wer sich den höchsten Lebensstandard, das beste Sozialsystem und den aufwendigsten Umweltschutz leisten will, der muß auch das beste Bildungssystem haben. Außerdem ist Bildung ein unverzichtbares Mittel des sozialen Ausgleichs. Bildung ist der Schlüssel zum Arbeitsmarkt und noch immer die beste Prophylaxe gegen Arbeitslosigkeit. Sie hält die Mechanismen des sozialen Auf- und Abstiegs offen und damit unsere offenen Gesellschaften in Bewegung. Und sie ist zugleich das Lebenselixier der Demokratie in einer Welt, die immer komplexer wird, in der kulturelle Identitäten zu verschwimmen drohen und das Überschreiten der Grenzen zu anderen Kulturen zur Selbstverständlichkeit wird.

Man sagt das so leicht, Bildung entscheidet über unsere Zukunft. Aber wie steht es dann um diese Zukunft, wenn die besten Köpfe dieser Welt auf der Suche nach den besten Ausbildungsmöglichkeiten nicht mehr nach Deutschland kommen?

Noch ist es so, daß Eliten in Asien oder Südamerika häufig deutsch sprechen, weil sie in Deutschland studiert haben. Das schafft Bindungen für das ganze Leben. Aber die Söhne und Töchter dieser Eliten zahlen inzwischen lieber hohe Studiengebühren in den USA, als daß sie an unseren Universitäten studieren möchten. Es ist nicht nur der Verlust an Internationalität, der uns schadet. Darin steckt vor allem die unverblümte Nachricht: Ihr seid nicht mehr gut und rasch genug. Diese Nachricht müßte uns treffen wie einst der Sputnik-Schock die USA! Als Signal dafür, jetzt alle Kräfte zusammenzunehmen und einen neuen Aufbruch zu wagen. Mit halbem Herzen ist diese Reform nicht zu schaffen. Auch nicht mit dem Hin- und Herschieben von Verantwortung und mit billiger Gruppenschelte. Es stimmt nicht, daß unsere Jugendlichen Aussteiger mit Null-Bock-Mentalität sind! Es ist falsch, Lehrer pauschal als faul zu beschimpfen, obwohl sie tatsächlich mehr Unterrichtsstunden mit größeren Klassenstärken als vor wenigen Jahren bewältigen. Und vielen Professoren werden gewaltige Überlastquoten an Studenten als Dauerzustand aufgedrückt, obwohl von ihnen gleichzeitig Wunderdinge in der Forschung erwartet werden.