Ruft die Politik, überfliegt der Konsensintellektuelle in der Maschine des Bundeskanzlers die mythischen Weiten der Geschichte. Recht betrachtet, ist er am Ziel seiner historischen Wünsche. Zuweilen gedenkt er, wie Frank Schirrmacher, des alten Intellektuellen mit Wehmut. Begegnet er ihm beim Stehempfang mit Ökosekt und Vollkornkeks, bleibt er souverän. Er lobt den Linksintellektuellen für sein Verschwinden und hofft auf baldige Wiederkehr im deutschen Konsens.

An Gleichmut und Raffinesse ist dem Konsensintellektuellen die zweite Denkschule, die postmoderne, turmhoch überlegen. Ihren Mitgliedern, nennen wir sie ruhig Kontingenzintellektuelle, sind altdeutsche Elegien vollständig fremd. Niemand leidet mehr am Gang der Dinge und an den Furien des Verschwindens. Was dem Konsensdenker der deutsche Schriftsteller Ernst Jünger, ist dem Kontingenzintellektuellen die Deutsche Telekom. So gibt es ein Werbevideo, auf dem der Philosoph Norbert Bolz im Abendglühen die Zuschauer auffordert, den Göttern des Fortschritts jene Ehre zu erweisen, die ihnen gebühre.

Nun geht es nicht um einen klugen Medienphilosophen. Es geht um eine verbreitete Haltung, um den Aufschrei der Erleichterung, endlich könne ein jeder die "Sackgasse der Gesellschaftskritik" verlassen. Denn wie der Konsensintellektuelle, so erlöst sich auch sein Nebenmann von der Last der Kritik. Seht her, alles ist kontingent. Kein Ausweg. Unerbittlich, ohne Ressentiment, denkt der Kontingenzintellektuelle in der Logik von Systemen, und das System denkt ihn. So kann er sagen, daß sich die westliche Welt in ihrer Undurchschaubarkeit und Ausdifferenzierung aller Logik und aller Planung entzieht. Was früher Schicksal war, ist heute das komplexe und alternativlose Geflecht der Weltgesellschaft, das Ineinander ihrer Gegensätze, der Fluß ohne Wiederkehr, die Regel des Zufalls.

Nun darf man sich durch die fröhliche Melodie nicht täuschen lassen. Die postmoderne Schadenfreude über den Abschied vom Intellektuellen, überhaupt die glückliche Zustimmung zur globalisierten Welt, beruht auf einer düsteren Diagnose. Um die Lebensweisheit des Kontingenzintellektuellen auf eine Formel zu bringen: Der Kapitalismus hat seinen Geist verloren. Zurück bleiben die produktive Zerstörung des Marktes und der Triumph der Sachlichkeit. Das heißt: Geld und Wissenschaft, Technik und Medien bilden eine "Superstruktur", die unentrinnbar den Erdball erobert. Es ist ein mysteriöses Mischgebilde aus Formaldemokratie und Massenkultur, aus Pop und Warenästhetik; ein Amalgam aus machtlosem Geist und geistloser Macht, aus Medienzauber und Faktenrest. Obwohl längst nicht am Ende, kommt die Geschichte doch ans Ziel. Sie hat den Erdball nach ihrem Bild geformt, sie hat eine Kultur, eine Lebenswelt, eine Kunst und eine Weltdeutung hervorgebracht. Das Ende der Geschichte ist auch das Ende des kritischen Geistes. Nach einem Jahrtausend der Entzweiung kommt der Weltgeist zu sich selbst.

Und das Politische? Nun, das Politische hat in den Augen des Kontingenzintellektuellen seinen angestammten Ort verlassen. Es logiert nicht mehr in den Zentralen der Macht, sondern in den Laboratorien der Global Player. Ihr Hoherpriester heißt Bill Gates, und in ihm vereinigen sich schon symbolisch die Leitmedien des weltweiten Westens. Microsoft und General Motors, Siemens und AT&T: Unter dem Kommando der Systeme schrumpfen die Spielräume der Politik gegen null. Von hundert Kanälen perforiert, zerfällt die liebgewonnene Öffentlichkeit unter dem Taktstock der Kirchs, Murdochs und Berlusconis in Kulturen und Subkulturen. Das Fernsehen ist der Wunschcontainer des Volkes. Es erzeugt den Horror des Realen, um das Publikum mit Werbung zu beruhigen. Danach scheint der kleine Hunger nach Sinn gegessen. Die Öffentlichkeit, so frohlockt der Kontingenzintellektuelle, bildet nicht mehr das Widerlager der politischen Macht, sondern das Betriebsgeräusch der späten Moderne. Sie absorbiert alles, auch die Kritik. Der alte Intellektuelle wird zum Medienclown im Weltkulturbetrieb.

So traurig-schön sie auch klingt: Die postmoderne Abschiedsformel ist griffig, aber sie greift nicht. Daß der siegreiche Westen alternativlos bleibt, bedeutet nicht, es gäbe im Binnenraum keine Alternativen. Auch mit einem anderen Fehlschluß bringt sich der Kontingenzintellektuelle um die Früchte seiner Desillusion. Es verwechselt eine finale Theorie der Gesellschaft mit deren offenem Zustand. Die Maske ist neu, die Pose antiquiert. Es ist die Pose des alten Denkers, der die Weltweisheit mit Löffeln gefressen hat.

Aber was bleibt? Was wäre das undenkbare Dritte zwischen unkritischer Konsensbeschaffung und jenem postmodernen Gleichmut, der mit Zynismus leicht zu verwechseln ist? Vielleicht ist es ein Typus des Intellektuellen, den es längst gibt, der sich längst beteiligt und in öffentlicher Verborgenheit seinen Geschäften nachgeht. Hintze wird ihn nicht kennen, Grass vielleicht auch nicht. Von den konservativen Denkern hat sich der abgeklärte Intellektuelle über die Macht der Symbole, von den postmodernen über die Selbsttäuschungen der Vernunft unterrichten lassen. Gleichwohl bleibt ihm die Attitüde des BRD-Großintellektuellen fremd. Doch daß die Politik ganz mit sich allein zu Rande kommt, hält er nach wie vor für konservative Ideologie. Seit ihrer Erfindung verspüren politische Parteien eine tiefe Neigung zur Verstaatlichung ihrer selbst. Wer sie öffentlich gewähren läßt, handelt durch Unterlassung. Alarmsignale gibt es genug. Warum sonst wird für interessierte Kreise die Entmoralisierung von Technik, Wissenschaft und Politik zum Gebot der Stunde?