Glück ist eine Hirnfunktion, und Blut ist sein Kurier. Schmerz, Freude, Liebe und Leid, geniale Einfälle, Déjà-vu-Erlebnisse und Kopfrechnen: nichts weiter als Kolbenschläge in den Pumpstationen der Hormone, befeuert mit einem satten Gemisch aus Sauerstoff und Glucose. Das Ich ist ein Verwalter, ein Maschinist im Geflecht der Leitungen. Und weil Immo Jalass endlich glücklich sein wollte, dauerhaft und nicht nur dann und wann, drehte er den Hahn auf.

Damit das Gehirn in seinem Kopf versorgt werde mit genügend Blut, Sauerstoff und Zucker, damit der Richter, die Sachverständigen und all die Menschen, die nichts verstehen wollten, endlich aufwachen und einsehen, daß er es ernst meinte, und vor allem, damit er endlich Ruhe habe vor seinen eigenen Problemen und der ganzen kranken Welt, bohrte sich Immo Jalass am 8. Oktober 1977 ein Loch in seinen Schädel. Seitdem sind die Probleme fort, sagt er.

Immo Jalass sitzt in seiner kleinen aufgeräumten Küche, atmet tief ein, schließt die Augen und hält die Luft an. Er preßt Blut in sein Gehirn, denn er soll sich erinnern. Kerzengerade drückt er seinen Rücken an die Lehne des Stuhls. Graue Hose, weinroter Pullunder, das weiße Hemd ist bis oben zugeknöpft, ordentlich und adrett. Ein älterer Herr mit zugegeben etwas tiefen, dunkelroten Ringen unter den Augen. Das graue Haar des 59jährigen ist sauber gescheitelt. Direkt am Haar ansatz schimmert ein Schnitzer. Die Narbe. Das muß die Stelle sein, wo er den Bohrer ansetzte. "Ich war unzufrieden mit mir und der ganzen Gesellschaft." Immo Jalass öffnet die Augen und bläst seine Konzentration zurück in den Raum.

Die ganze Gesellschaft, das ist die Welt jenseits seiner kargen, sauberen Wohnung in Hamburg-Barmbek. Die Leute in der S-Bahn zum Beispiel: Wie die ihn anstarren, wenn er auf dem Weg zur Arbeit im Wagen auf und ab geht, das Fenster öffnet, um Sauerstoff für seine Hirnzirkulation ins Abteil zu lassen. Wie die glotzen, wenn er sich dann auf die Bank setzt, die Augen schließt und bewußt atmet. Seit zehn Jahren arbeitet er in der Hochschulverwaltung. Immerhin lassen ihn dort die Kollegen in Frieden, wenn er hinter seinem Schreibtisch errötet. Er sei "nicht irgendwie verklemmt oder so etwas", muß er den Neuen immer wieder erklären. Sondern er hält die Luft an, pumpt Sauerstoff und Zucker ins Hirn. So ist das eben, wenn er denkt.

Nach Büroschluß aber sitzt er lieber in seiner leeren Küche und zitiert aus seinem Fanzine Meinhorn: Schriften für und durch mehr Gehirnblutvolumen. Das druckt er nun schon seit zehn Jahren beharrlich für eine Handvoll Menschen in aller Welt. Da erklären farbige Computerschaubilder die Biologie des Bewußtseins. Eine Bücherliste bietet Schriften zum "Tabuwissen" an. "Das ist wahre Esoterik: Geheimwissen", sagt Immo Jalass und hebt die Augenbrauen. Ansonsten ist er vorsichtig, wem er noch was erzählt. Schließlich halten die ihn alle für einen verschrobenen Sonderling. Und vor zwanzig Jahren, da wurde es gefährlich. Da rückten sie ihm alle so nahe auf den Leib, daß er quasi keine andere Chance hatte.

Das Wasser stand ihm bis zum Hals, damals im Oktober 1977. Ein Jahr und neun Monate Gefängnis drohten, wenn er nicht endlich seine Theorie beweisen konnte. Denn in der ersten Instanz war er bereits verurteilt worden. Anderthalb Kilo selbstangebautes Marihuana hatte die Polizei in seiner Wohnung gefunden, und hundert LSD-Trips soll er auch verkauft oder verschenkt haben. In dem Berufungsverfahren nun mußte der gelernte Drogist beweisen, daß es niemals um profanen Rausch oder Lustgewinn ging, sondern um nichts weniger als Bewußtsein: brainfood. "Haschisch und LSD werden zu Psychovitaminen, nimmt man sie zusammen mit genügend Zucker und Vitamin C", erklärte Immo Jalass seine Lehre dem Hamburger Strafrichter und den Sachverständigen. Die nickten und nannten seine Erkenntnisse "ein abgekapseltes paranoisches System".

Also schrieb er Briefe. Beim Bundesgesundheitsministerium beantragte er "die Einsetzung einer Untersuchungskommission", die besagte Psychovitamine und ihre Wirkung studieren sollte, denn "es kann nichts von größerer Wichtigkeit und größerem Nutzen geben als die Verbesserung der Hirnfunktionen und des Bewußtseins". Beim Bundesgesundheitsamt beantragte er einen Erlaubnisschein "für die eigene Therapie und weitere wissenschaftliche Untersuchungen". An den Haustüren verteilte er Broschüren, immer höflich, ordentlich gekleidet mit Anzug und Krawatte. Tips und Tricks für mehr Bewußtsein. Im Alsterpark und in den Szenecafés sprach er "täglich zwanzig Mädchen" an. Alles umsonst.