Das wär's dann. Der kleinste Mercedes aller Zeiten hätte einen festen Platz in der Schmähecke der Nation gepachtet, wenn tatsächlich passiert, woran Hersteller Daimler-Benz und das Springer-Sonntagsblatt BamS in diesen Tagen hektisch arbeiten: Als bestes neues Auto seiner Klasse soll der Mercedes-Mini in der kommenden Woche mit dem Goldenen Lenkrad ausgezeichnet werden. Der Springer-Verlag verleiht diesen Preis einmal jährlich, begleitet von bedeutendem publizistischen Rummel. Automanager jeder Marke schätzen sich glücklich, diese Trophäe zu ergattern, weil sie lebhaften Absatz verspricht.

Aber wieso soll ausgerechnet die kippfreudige A-Klasse von Mercedes mit dem Goldenen Lenkrad geehrt werden? Nichts in der automobilen Welt ist derzeit so stark mit Negativ-News beladen wie dieser neue Kleinwagen, mit dem Daimler-Benz erstmals direkt gegen Massenhersteller wie Volkswagen antritt. Den stolzen schwäbischen Ingenieuren, so behaupten Fachleute, ist nämlich ein glatter Konstruktionsfehler unterlaufen: Vor allem die falsch ausgelegte Hinterachse der A-Klasse sorgte bei relativ anspruchslosen Tests bereits mehrmals dafür, daß das Auto sich überschlug. In anderen Fällen verhinderten nur die profihaften Reflexe der Versuchsfahrer eine Rolle seitwärts über die Piste, nachdem das Auto in eine gefährliche - für Normalmenschen nicht mehr zu beherrschende - Schräglage geraten war.

Kleinlaut gestand auch Jürgen Hubbert, im Daimler-Benz-Vorstand für Personenwagen zuständig, am Mittwoch vergangener Woche ein: "Wir haben da eine Schwäche." Das ist mehr als untertrieben. Um den gewaltigen Imageschaden für die A-Klasse und die Marke Mercedes zu begrenzen, kündigte Hubbert zwei Notmaßnahmen an, die für sich sprechen - als klares Eingeständnis eines existierenden Sicherheitsproblems: Von Februar 1998 an wird der nur 3,58 Meter lange Mini (Basispreis: 30 360 Mark) kostenlos mit einer Anti-Schleuder-Elektronik von Bosch namens ESP nachgerüstet, die es bislang nur als Extra für 1700 Mark in den großen Autos von Mercedes gibt. Außerdem kommen keine Reifen von Goodyear mehr zum Einsatz, da sie angeblich die fatale Kipptendenz wegen zu weicher Flanken noch verstärken. Bereits ausgelieferte Wagen sollen zurückgerufen und auf Mercedes-Rechnung sicherer gemacht werden. Die Kosten: einmalig fünfzig Millionen Mark und dann pro Jahr laufend hundert Millionen Mark. Ein großer Teil des erwarteten Gewinns der A-Klasse, die maximal 200 000mal jährlich im Werk Rastatt vom Band laufen kann, ist somit futsch, der Shareholder value des Daimler-Konzerns angeknabbert statt gemehrt.

Und dafür wirklich das Goldene Lenkrad? Der verantwortliche BamS-Redakteur Peter Maahn unterscheidet zwischen einem alten und einem neuen Mercedes-Mini: "Die erste A-Klasse, die gelegentlich die Räder oben hatte, gibt's ja schon nicht mehr am Markt. Wir reden über die neue A-Klasse mit ESP." Allerdings: Nachgetestet werden müßte die kippsichere Version von der BamS-Jury, einer bunt zusammengewürfelten Truppe aus Promis wie Boxer Henry Maske, Wetterfrosch Jörg Kachelmann und Profis wie Rennfahrer Walter Röhrl und Karl Wendlinger, auf jeden Fall, so Maahn am Montag dieser Woche. Doch das wird zeitlich knapp, denn der Sieger-Verkündigungstermin Mitte der zweiten Novemberwoche ist nahe.

Daß Daimler-Vorstand Hubbert solche Mätzchen überhaupt ins Auge faßt, zeugt von Verzweiflung. Denn klar ist doch: Das Goldene Lenkrad für die A-Klasse würde für noch mehr Spott sorgen, nachdem schon kübelweise Hohn über dem kleinen Wagen ausgegossen wurde. "Unsere Autos kippen nicht um": Mit diesem Titel versehen bereits Gebrauchtwagenhändler konkurrierender Marken ihre Annoncen in den Tageszeitungen. Sat.1-Komiker Harald Schmidt machte sich über die Vorteile der A-Klasse auch schon lustig: "Beim Einparken fährt man einfach nur neben die Parklücke und läßt sich dann seitlich fallen." Und Volkswagen-Vorstand Klaus Kocks, zuständig für Kommunikation und Sprüche über seinen Chef Ferdinand Piëch, ließ sich dieser Tage so zitieren: "Bevor Piëch und ich einen Wagen der A-Klasse kaufen, machen wir eher in Bad Oldesloe einen Puff auf."

Wie alle seriösen Experten für Öffentlichkeitsarbeit in einer solchen verfahrenen Situation raten, hilft jetzt nur eines: offene, ernsthafte Sachlichkeit. Die feinsinnige, aber für die Masse des Autopublikums kaum nachzuvollziehende Trennung der BamS in ein altes und neues Modell der A-Klasse, justament da diese nach einer fast zweihundert Millionen Mark teuren Werbekampagne gerade neu im Straßenbild auftaucht, muß windig und wenig vertrauenerweckend wirken. Mehr noch: Die "alte" A-Klasse ohne Antikippelektronik wird noch mehrere Monate lang an Mercedes-Kunden ausgeliefert; die neue Version existiert nur als Versuchsfahrzeug. Die Gefahr, daß ein solches Manöver wieder negativ auf Unternehmen und Auto abfärbt, ist deshalb sehr groß - sogar wahrscheinlich.

Nicht Taschenspielertricks, sondern harte Arbeit und Ehrlichkeit nützen Daimler-Benz jetzt, den immensen Schaden einzudämmen und - wenn's denn geht wiedergutzumachen. Denn die öffentliche Meinung, so Rainer Zimmermann, Geschäftsführer der PR-Beratungsagentur Kohtes & Klewes in Düsseldorf, verhält sich in solch einem Krisenfall "wie die rollende Ladung auf einem Schiff". Sie ist nicht nur hochgefährlich für den Dampfer, sondern auch schwer vorauszuberechnen.