Planet Speersort: Mao-Kapitalismus – Seite 1

Laßt tausend Lämpchen glühen" - das ist offenbar die Losung unseres Mao-Neokapitalismus.

Wir sind umflackert von sinnlosen Leuchtsignalen, die uns eine - daran vermutlich verdienende - Industrie aufzwingt, die niemand braucht und niemand will: Hilft nix, big brother will es so.

Die elektrische Zahnbürste beleuchtet Tag und Nacht das Bad in giftigem Grün; der Fön im Hotel, der Herd in der Küche, der Fernsehapparat vor der Couchgarnitur, der Lichtschalter im Flur, die Steckdose im Schlafzimmer, die Alarmanlage auf dem Wintergarten: es leuchtet, es flackert, es flimmert. Vergebens die Bitte in jeglichem Hotel der Welt: "Bitte machen Sie das aus", weil man in dieser Hummelfest-Beleuchtung nicht schlafen kann - es geht gar nicht mehr auszuschalten. Die Maschinchen sind so - wie der Mensch ist, das bleibt egal.

Da hören wir nun immer vom Sparen, vom sinnvollen Umgang mit Energie. Aber in mein Telephon muß eine Uhr eingebaut sein, in mein Radio, in meinen Herd ich wüßte ja beim Telephonieren überhaupt nicht, wie spät es ist. Sowenig ich meine Zahnbürste fände ...

Allein in deutschen Büros, das hat jüngst eine Studie ergeben, rauschen jährlich 6,5 Milliarden Kilowattstunden ungenutzt durch die Stromleitungen; der Leerlaufkonsum beträgt 20,5 Milliarden Kilowattstunden (kWh) pro Jahr die Stadt Berlin, um einen kleinen Vergleich zu geben, verbraucht 14 Milliarden pro Jahr. Anrufbeantworter, Faxgeräte, Stereoanlagen, Photokopierer - das, was in neudeutsch "Stand-by-Betrieb" heißt, also der Verbrauch unbenutzter Geräte - verzehren die Produktion von zwei 1000-Megawatt-Kraftwerken und produzieren, im Leerlauf, umgekehrt zirka 1,5 Prozent des Kohlendioxidausstoßes in Deutschland.

Ob Drucker, Modems, Mobiltelephone oder Computer: sie stehen da, summen, leuchten, schnurren - und kosten. Jedenfalls den Konsumenten. In der erwähnten Studie wurde errechnet, daß ein ständig nicht ausgeschaltetes Fernsehgerät den Privathaushalt mit 28 Mark pro Jahr belastet, ein Videorecorder mit 42 Mark und ein Photokopierer gar mit 140 Mark: Der elektronisch voll ausgestattete Privathaushalt wird durch den Leerlaufverbrauch von Strom mit rund 250 Mark jährlich zur Kasse gebeten.

Hinter der Kasse, natürlich, sitzt jemand und reibt sich die Pfötchen, bei irgendeinem Unternehmer klingelt sie ja, die liebe Kasse. Jedes Watt dieser unnötigen Dauerleistung addiert sich im Jahr zu zirka 9 kWh und kostet 2,50 Mark respektive bringt sie dem, der sie verkauft. Der mag dann ja, gemästet von unseren elektrischen Weckuhren und Schreibmaschinen und Satellitenempfängern, mit seiner Yacht kreuzen; vor den Balearen, den Kanarischen Inseln oder sonstwo: Die Rache will es, daß er der eigenen Unmoral nicht entgeht: Denn die Luft, die die Herren Raffer atmen, haben sie sich selber verpestet.

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Ich bin wahrlich weit entfernt von jeglichem Öko-Terror, will kein Gesetz, dem zufolge alle Damen nur noch grüne Dessous und alle Herren nur noch graue Socken tragen dürfen (letzteres Gesetz wäre obsolet - die Herren, die keine Herren sind, tragen die allzumal und allzu gern). Auch will ich nicht leugnen, wie angenehm es ist, sich die morgendliche Orange mit Hilfe eines Braun-Gerätes auszudrücken statt mit einer gelben Plastikpresse. Wat mut, dat mut.

Aber neun Zehntel dieses Industrie-Chichi müssen eben nicht. Das rote Lichtchen der Bereitschaft - könnte es nicht irgendwo anders glühen? In der allergrößten Not, ich schwöre es, käme ich gar mit Papiertaschentüchern aus, die nicht durch aufwendigen Klebeverschluß - wovor, vor wem eigentlich? gesichert sind.