Es war einmal ein Land, in dem es an nichts mangelte. Seine Bewohner waren bienenfleißig. Damit ein jeder sein Auskommen habe, auch die Kranken und die Alten, zog die Regierung einen Zehnten ein. So konnte sie an jeder Ecke Milch und Honig ausschenken. "Wohlstand für alle" lautete ihre Losung, die sie allerorten plakatierte.

Plötzlich geriet das Land, keiner weiß, warum, in die Krise. Die Regierung beschloß, alles so behaglich zu lassen, wie es war. Nur eine klitzekleine Änderung der Losung verfügte sie. "Wohlstand für die Alten" hieß es nun. Den neuen Wahlspruch plakatierte die Regierung aber nirgends, um die Jungen in Ruhe zu wiegen. Die sollten nämlich weiter bienenfleißig sein und ihren Zehnten zahlen. Möglichst lange, damit die Regierenden und ihre Altersgenossen sich noch in die Rente retten könnten, bevor das System des schönen Scheins kollabieren würde. Dann müßten die Jungen doppelt bienenfleißig sein, um ein neues System zu errichten.

Doch Vorsicht! Wie im Märchen wird sich die Sache nicht regeln lassen. Allmählich spricht sich der Generationenbetrug unter uns Jüngeren herum. Langsam merken wir, die wir noch dreißig Jahre bis zur Rente zu buckeln haben, daß wir für opulente Frührenten und andere unrealistische Versorgungsversprechen aus einer goldenen Vergangenheit geradestehen müssen. Daß der ganze soziale Reformstau sich dereinst auf unsere Kosten entladen wird - je später, desto teurer.

Ebendas ist der Fluch der späten Geburt: eine Staatsschuld, die in 35 Jahren den gesamten Haushalt für Zinsendienst auffressen wird; Altschulden, deren Tilgung die Regierung verschiebt; Beamtenpensionen, die bald nur noch auf Pump zu finanzieren sind. Irgendwann wird irgendwem die Rechnung präsentiert. Die Gelackmeierten sind immer die nächsten: wir.

Die Zitadelle der Besitzstandswahrer ist die Rentenversicherung. Hie und da flicken sie das Gebäude durch ein Reförmchen und warnen jeden - während es drinnen alle paar Minuten vernehmlich kracht -, das Haus auch nur zu berühren. Ein Prinzip, das ursprünglich die Beitragszahler vor staatlichen Übergriffen schützen sollte, ist zum Zauberwort jener geworden, die Pfründen sichern wollen: "Vertrauensschutz".

Kaum jemand scheint wissen zu wollen, wessen Vertrauen da eigentlich geschützt und wessen Vertrauen mißbraucht wird. Fragen wir also einmal nach: Warum hat das Parlament soeben eine Rentenreform beschlossen, die zunächst Geld kostet und erst in zehn Jahren Geld spart? Warum wird das Rentenniveau erst in 33 Jahren um sechs Prozent abgesenkt sein? Warum gilt die verfassungsrechtlich gebotene Übergangszeit gleich zehn Jahre lang, um das Rentenalter auf 65 Jahre heraufzusetzen? Warum verspricht die Montanindustrie "Vertrauensschutz" sogar für 52jährige?

Weil Leistungen für Rentner nicht sofort gekürzt werden, sollen die Versicherten demnächst 21 Prozent Beitrag zahlen, ein Fünftel mehr als vor vier Jahren. Für die Jüngeren heißt das: Wir müssen heute mehr zahlen und bekommen später weniger dafür. Weil wir weniger bekommen, müssen wir zusätzlich privat vorsorgen, also doppelt zahlen. Der Generationenvertrag würgt seine Finanziers. Das Problem verschärft sich mit jeder Beitragserhöhung. Die nächste ist schon absehbar, denn jede Erhöhung von Lohnnebenkosten unterminiert zugleich die Basis des Systems - die Arbeit.