In wenigen Wochen wird eine CD-ROM des Statistischen Bundesamts erscheinen: die erste detaillierte Bestandsaufnahme der Bodenbedeckung ganz Deutschlands im Maßstab 1:100 000 - "Stadt, Land, Fluß" für Fortgeschrittene. Die CD ist das deutsche Mosaiksteinchen in einem Projekt, das die Europäische Kommission 1988 ins Leben gerufen hat. Die Oberfläche von ganz Europa soll dabei in 36 Kategorien erfaßt werden.

Sehr aktuell ist das brandneue Scheibchen allerdings nicht. Die Satellitenaufnahmen stammen aus dem Jahr 1989. Vor allem der Osten Deutschlands ist vielerorts längst mit Beton gepflastert, wo auf den Aufnahmen noch Wälder und Auen grünen; und umgekehrt steht in manchem angeblichen Industriegebiet heute kein Stein mehr auf dem anderen.

Daß die Auswertung von Satellitendaten so lange dauert, liegt nicht an der Behäbigkeit der Bearbeiter. Leider schikken die Späher im All nicht die bekannten bunten Landkarten an die irdischen Empfangsstationen, sondern eine ungeordnete Flut digitaler Daten. Erst aufwendige Berechnungen und Analysen machen daraus die informative Darstellung, mit der Raum- und Landschaftsplaner etwas anfangen können.

Der Satellit Landsat zum Beispiel, beliebtester Datenlieferant der Fernerkunder, erfaßt mit jeder Aufnahme ein Gebiet von 185 mal 185 Kilometern. Das Bild besteht aus 48 Millionen einzelnen Bildpunkten, die jeweils eine Fläche von 30 mal 30 Metern repräsentieren. Jedes dieser Pixel hat einen von 256 möglichen Grauwerten. Zwar lassen sich die einzelnen Pixel anhand dieses Grauwertes ganz grob bestimmten Klassen - etwa Stadt, Wiese oder Wald - zuordnen. Leider aber ist die Natur nicht immer so eindeutig, wie es die Programme gern hätten: Sonnenstand oder Feuchtigkeit etwa können ein und denselben Bereich in unterschiedlichem Grau erstrahlen lassen. Also muß ein menschlicher Bildauswerter her, der die exakten Grenzen der einzelnen Segmente zieht und ihre Kategorie bestimmt.

Ein Verfahren, das diesen komplizierten Auswertungsprozeß zu automatisieren versucht, wurde jetzt von der Münchner Firma delphi Systemsimulation entwikkelt, die der Physik-Nobelpreisträger Gerhard Binnig vor zwei Jahren mit Hilfe der Bundesstiftung Umwelt gegründet hat. Das Verfahren bedient sich der sogenannten Fuzzy-Logik. Die Rechenmethoden dieser "krausen", "unscharfen" Logik sind nicht auf feste Werte wie Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß, Null oder Eins festgelegt, sondern erlauben auch "Zwischentöne" und Wahrscheinlichkeiten.

Statt jedes Pixel einer Landsat-Aufnahme sofort gemäß seinem Grauwert einer bestimmten Klasse zuzuordnen, faßt das delphi-Auswertungsprogramm zunächst bestimmte Pixelgruppen zu einem wahrscheinlich zusammenhängenden Segment zusammen. Danach wird das Bild auf einer höheren Ebene - menschlich gesprochen: aus größerer Entfernung - betrachtet, so daß die Umgebung und die Form des Segments mit ins Kalkül gezogen werden können. Anschließend sieht das System wieder näher hin, um seine nun eventuell geänderte Hypothese zu überprüfen. Schritt für Schritt entsteht so ein schlüssiges Ganzes. Die anfängliche "Meinung" darüber, um was es sich bei einem Segment handelt, kann sich bei jedem Durchgang ändern.

"Die Klassifikation wird erheblich sicherer durch das Einbeziehen des Kontextes", erklärt Rolf Lessing von der Magdeburger delphi-Filiale. "Meint das System etwa, eine Stadt zu erkennen, findet dann aber keine Straßen, wird die Ausgangshypothese verworfen."