Manche Entdeckung wird nicht gemacht, weil sie so naheliegend ist. Ihr geht es wie dem Brief in Edgar Allen Poes Kriminalgeschichte, der offen auf dem Tisch liegt, während Detektive jeden Quadratzentimeter des Zimmers mit der Lupe nach ihm absuchen. In meinem Fall handelt es sich um die gefüllte Paprika. Ich habe sie nie geliebt, weil man nicht sieht, womit sie zugestopft ist. Doch ein einziger Schnitt macht aus dem runzeligen Pummel eine attraktive, appetitliche Schönheit. Es handelt sich um den Längsschnitt, der die Paprika in zwei flache, bootsähnliche Hälften teilt. Diese Version ist so viel schöner als der aus Kantinen bekannte Standard. Da der Inhalt sichtbar ist, kommt der Farbzusammenstellung große Bedeutung zu. Geschmacklich macht es kaum einen Unterschied, ob ich rote, gelbe oder grüne Paprika verwende. Der grünen Spezies merkt man die Zugehörigkeit zu den Gemüsen etwas mehr an. Die Füllung sollte aber auf die Schotenfarbe Rücksicht nehmen. Überbacke ich Paprika mit Käse, herrscht ein helles Gelb vor. Das macht sich gut in grüner Paprika; sind dazwischen Tomatenstücke, empfiehlt sich die rote. Gelbe Paprikas bilden zur Tomantesauce einen hübschen Kontrast, auch paßt zu ihnen ein überbackenes Ei oder grünes Wirsingdeckblatt.

Zunächst aber müssen die beiden Hälften geputzt werden, das heißt, die Stege im Inneren und die Kerne werden sorgsam entfernt. Der grüne Stielansatz, durch den Längsschnitt halbiert, fungiert als Stöpsel und wird nur oberflächlich gesäubert. Im vorgeheizten Ofen (210 Grad) erhitze ich eine flache, feuerfeste Form, gerade so groß, daß die Hälften darin Platz finden. Die werden mit der vorbereiteten Farce gefüllt. Und dabei beginnt die kreative Phase der normalerweise so einfallslos hergerichteten Paprikas.

Gut, Reis eignet sich immer. Vor allem als Resteverwertung, wenn von gestern etwas übriggeblieben ist. Auch Kartoffeln vom Vortag, die klein gewürfelt, gewürzt und in Butter oder Öl leicht angebraten werden, sind kein schlechter Bestandteil in einer offenen Paprika, wenn diese als Hauptgericht dienen soll. Aber, bitte, nicht allein! Etwas kleingehackten Schinken untergemischt, Ziegenkäse oder zerrupfte Sardellenfilets, Muscheln und andere kleinformatige Fischteile, welche auch geräuchert sein dürfen - all das fühlt sich in einer halbierten Paprika gut aufgehoben.

Immer daran denken: Hier wird sorgfältig und schichtweise gefüllt wie beim Kofferpacken und kein Rucksack vollgestopft. Die unterste Schicht sollte nach meiner Erfahrung immer sehr ähnlich sein: gedünstete Zwiebeln. Die geben die Tonart an. Und dabei spielt die Zwiebelsorte eine Rolle. Frische weiße oder Frühlingszwiebeln haben einen anderen Charakter als braunschalige. Alle aber werden zunächst ziemlich fein gewürfelt und danach in Olivenöl (oder Butter oder Gänseschmalz) sanft angedünstet. Schon jetzt salzen und pfeffern. Mit Wasser oder Wein oder Essig oder Zitrone ablöschen und weiterhin langsam bis zur breiigen Konsistenz einkochen. Aber was heißt "oder"? Und welchen Pfeffer nehme ich? Hier geht es bereits los mit dem Abenteuer des Kochens. Schließlich gibt es auch noch Sojasaucen, Kapern, Currypasten und der Himmel weiß, welche aromatischen Bestandteile, die möglich und empfehlenswert sind. Und ich bin erst am Anfang dieses Rezepts! Zuerst aber habe ich das Innere der Paprikahälfte leicht gesalzen und eventuell mit Öl ausgepinselt.

Von nun an geht es zu wie beim Alchimisten. Alles ist erlaubt, es muß nur gewürzt sein. Wenn das schöne Gebilde hinterher auf dem Teller nur fad schmeckt, war der ganze kreative Aufwand umsonst. Also meinetwegen Reis von gestern. Aber vielleicht mit kleingehackten Champignons vermischt? Die müssen nicht einmal vorher gegart werden, was man bei anderen Bestandteilen der Füllung nicht vergessen sollte. Nicht alles wird im Backofen so schnell gar wie die äußere Paprika! (Sie braucht ungefähr 20 bis 35 Minuten.) Vom Hackfleisch über kleingewürfelte Geflügelleber, Tomatenkonkassee bis zum zerbröselten Ziegenkäse - jedes Element hat eine andere Garzeit, und die gilt es zu berücksichtigen.

Ich erwähnte zuvor, daß es sogar möglich sei, ein rohes Ei obendrauf zu setzen, bevor die ganze Pracht im Ofen verschwindet. Ich bevorzuge zwar Käse der verschiedensten Sorten, aber warum nicht ein Ei? Wenn es nicht zu sehr nach Ei schmeckt, sondern dem Sultan der Küche Freude macht, ist dagegen nichts einzuwenden.