Wenn Peter Hepp nachdenkt, nimmt er Haltung an. Er denkt oft nach. Früh morgens über den Inhalt der philosophischen Bücher, deren Buchstaben er im lichtdurchfluteten Wohnzimmer mit Hilfe eines starken Vergößerungsgeräts entziffert. Tagsüber bei der Arbeit, wenn er in der Werkstatt Korbmöbel repariert. Abends, wenn seine Freundin ausnahmsweise ohne ihn ausgeht.

Dann winkelt Peter Hepp seinen linken Arm an, stützt sein Kinn in die Mulde zwischen Zeigefinger und Daumen der linken Hand und erstarrt. Dann ähnelt er, der taub und fast blind ist, Auguste Rodins Figur "Der Denker". Bei ihm ist es keine Pose, sondern der Ausdruck eines Mannes, der von Geburt an gehörlos ist und seit sieben Jahren kaum noch sehen kann.

"Ich bin ein Wahrheitssuchender", sagt Peter Hepp in der Gebärdensprache, seiner Muttersprache.

Obwohl er seine Hände nicht sieht, sind ihre Bewegungen so präzise, daß seine Lebensgefährtin Margherita Maisano sie versteht. Will sie ihrerseits ihm etwas mitteilen, berührt sie seine linke Hand an festgelegten Stellen. Jeder Druck bedeutet einen Buchstaben im "Lormschen Handalphabet", benannt nach seinem Erfinder Hieronymus Lorm. Wenn Margherita Maisano ihrem Freund etwas lormt, scheinen ihre Finger auf seiner Hand zu tanzen.

Viele Jahre lang hat Peter Hepp über seine Lage nachgedacht, über die Taubblinden und ihre Welt. Seine Erkenntnisse faßte er in einem Aufsatz zusammen, den er auf der Blindentastatur in seinen Computer tippte. Er lernte ihn auswendig und trug ihn zur Probe im kleinen Kreis vor. Nun ist er von Neckargemünd bei Heidelberg nach Dresden gekommen, um zum ersten Mal vor großem Publikum zu sprechen: auf den Deutschen Kulturtagen der Gehörlosen.

"Taubblinde - kein Thema für Gehörlose?" steht im Programmheft. Der Präsident des Deutschen Gehörlosenbundes (DGB), Ulrich Hase, hat sich für diesen Vortrag eingesetzt. Hase hatte Hepp vor den Kulturtagen zweimal getroffen und war angetan von seiner Engelsgeduld und seinem scharfen Intellekt.

"Wir Gehörlosen wissen sehr wenig über Taubblinde und müssen uns erst selbst für das Thema sensibilisieren", sagt Ulrich Hase. Die Gehörlosen in Deutschland sind eine Randgruppe. Wie sollen sie den noch Schwächeren helfen? Ende dieses Jahres soll auf der Präsidiumssitzung des Gehörlosenbundes erstmalig über die Einrichtung eines Fachausschusses für Taubblinde beraten werden.