Die Verwechslungsgefahr ist groß. "Literatur im Web" ist nicht dasselbe wie "Web-Literatur". Literatur im Web, das ist normaler Text, wie er seit jeher etwa in Büchern stand, aber jetzt nicht auf Papier, sondern elektronisch: E-Text online. Es gibt ihn hier und da, und es wird immer mehr davon geben, denn er hat seinen begrenzten, aber unübersehbaren Nutzen: Er ist überall sofort verfügbar, wo ein vernetzter Computer steht, und er läßt sich sehr viel leichter erschließen.

"Web-Literatur" dagegen will gerade das nicht sein: Text wie eh und je, aber ins World Wide Web verpflanzt. Wo sie auftritt, tut sie es meist mit dem missionarischen Anspruch, eine neuartige Kunstform zu sein, inhaltlich und formal eigenständig und geeignet, aller bisherigen Literatur den Todesstoß zu versetzen. Wie Michael Joyce, wahrscheinlich der bekannteste der neuen Web-Literaten, es verkündete: "Wir befinden uns in der Spätzeit des Drucks, einer Übergangszeit, da das Buch, wie wir es kennen, dem Ausdruck des Geistes in Lichtformen Platz macht." Gemeint ist das aus den Bildschirmen strahlende Licht.

Tatsächlich eröffnet der Computerbildschirm, eröffnet besonders das Web eine Reihe von gestalterischen Möglichkeiten, mit denen Gutenbergs altmodische Galaxis nicht aufwarten konnte. Sie lassen sich vier Stichwörtern zuordnen: Multimedia, Kooperativität, Interaktivität, Hypertext. Für den überzeugten E-Literaten scheinen es Zauberwörter, die die Tür zu kühnen, lichteren Räumen des Geistes aufstoßen. Aber wenn nun dort auch nur die alten Lesefunzeln brennen?

Multimedia. Im Computer lassen sich mehrere Sinneskanäle integrieren. Nicht alle: der Riech-, der Tast- und der Temperatursinn bleiben auf absehbare Zeit ausgeschlossen. Aber Text und Ton und stehende wie bewegte Bilder lassen sich prinzipiell zusammenführen, wenn auch im Falle von Ton und Video vorerst nur in frustrierender Ungelenkigkeit. Illustrierte Schriftwerke aber sind nichts ästhetisch Neues, auch wenn sie elektronisch daherkommen; und an die Stelle oder Seite von Abbildungen lassen sich ohne weiteres Tonbeispiele oder Filmausschnitte denken. Daß die Medien integrierbar werden, heißt im übrigen nicht, daß sie durcheinander ersetzbar werden. Literatur entstammt per definitionem dem Bedürfnis nach Versprachlichung der Erfahrungen; was sich diesem Bedürfnis entzieht, mag sein, was es will, aber eben keine Literatur.

Kooperativität. Einer schreibt etwas Text in seinen Computer, hundert andere irgendwo auf der Welt können ihn gleichzeitig lesen, in Frage stellen, ausbauen, weiterspinnen. In den Naturwissenschaften, die ein kollektiver Prozeß sind, wird es mit Erfolg so gemacht, und E-Mail wie elektronische Diskussionsforen haben dieser Gemeinschaftsanstrengung starken Auftrieb gegeben. Im Bereich des Ästhetischen jedoch, wo es auf die Form ankommt, geht es anders zu; Kunstwerke dürften sich auch in Zukunft nicht erdiskutieren lassen. Wo "Millionen gleichzeitig auf einer gemeinsamen elektronischen Schreiboberfläche arbeiten" (Ted Nelson), werden sie kaum über Chat-Group-Niveau hinauskommen, bei dem sich Nichtteilnehmer die Ohren zuhalten.

Interaktivität. Der Computer erlaubt den Anwendern, einzugreifen in das, was er aus den Tiefen seiner Speicher auf die Bildschirme holt, vor allem in die Reihenfolge und das Tempo. Der Kinofilm wäre das genaue Gegenteil eines interaktiven Mediums; er ist unveränderlich und läßt dem Zuschauer nur die Freiheit, sich vor dem Ende davonzustehlen. Aber das Buch, das war ja immer das Schöne an ihm, ist ebenfalls ein ziemlich interaktives Medium: Man kann es an jedem Ort lesen, kann darin blättern und springen, zustimmende oder empörte Randglossen anbringen, jede Stelle beliebig oft wiederholen - und vor allem kann man die Lesegeschwindigkeit ständig aufs subtilste dem jeweiligen Aufmerksamkeitsgrad anpassen. E-Literatur wird es schwer haben, es an Interaktivität zu übertreffen.

Hypertext. Er ist die bei weitem interessanteste Novität. Das Wort wurde von dem Computerpionier Ted Nelson 1965 geprägt, die Idee ist älter. Sie geht zurück auf den Computeringenieur Vannevar Bush, im Zweiten Weltkrieg Präsident Roosevelts oberster technischer Berater. 1945 entwarf er in Gedanken eine Maschine, in die jemand alle seine Bücher einfüttern könnte (Bush dachte noch nicht an die damals für solche profanen, unnumerischen Zwecke viel zu teuren Computer, sondern an Mikrofilme), nicht nur, um sie jederzeit sofort am Bildschirm zur Verfügung zu haben, sondern auch, um zu einzelnen Forschungsthemen Suchpfade quer durch die Literatur aufzuzeichnen, die dauerhafter wären als im Gedächtnis. Bush nannte das Gerät Memex, memory extender, Gedächtniserweiterungsmaschine. Ihre Pointe war die schlichte, aber schwindelerregende Perspektiven eröffnende Tatsache der Integration verschiedenster Text- und Bildquellen - und deren beliebige subjektive Verknüpfung.