ZDF, dienstags: "Große Freiheit"

Männer wollen immer nur das eine: mit anderen Männern Abenteuer erleben. Dabei darf alles auf's Spiel gesetzt werden, und wenn es am Ende gut ausgegangen ist, sagen Männerfreunde nicht etwa: "Mensch, da haben wir ja noch mal Glück gehabt, jetzt aber nichts wie nach Hause", sondern sie boxen einander auf den Bizeps und ziehen sogleich in das nächste Abenteuer aus. So kann man acht Folgen füllen.

Frauen stören in einem solchen Szenario. Da sie im wirklichen Leben aber vorkommen und der Fernsehzuschauer die lästige Neigung hat, Filmstoffe mit seiner Erfahrung zu vergleichen, müssen sie, die Frauen, irgendwie dramaturgisch entsorgt werden. In alten Sagen war das einfach: Die Männer zogen hinaus in den Kampf, die Frauen blieben zu Hause, und die Kamera beziehungsweise der Sänger mit seiner Leier ging mit den Männern mit. Heute ist die Welt dichter besiedelt, und die Geschlechter haben sich gleichmäßiger über sie verteilt; es wird immer schwerer, Frauen aus dem Weg zu schaffen, wenn Männer auf Abenteuer ausgehen. Um so beachtlicher die Leistung der Drehbuchschreiber, wenn es doch gelingt. In der Krimi-Serie "Große Freiheit" (Buch und Regie: Christian Görlitz) hat sich der Held, Bulle Leo, mit seiner Frau überworfen. Und obwohl er sie gern zurückhätte - jedenfalls tut er so -, klappt die Kommunikation nicht: Er ist für die weibliche Psyche einfach zu grob und geradlinig. So bleiben nur die Kerls. Mit denen immerhin kommt er klar. Sogar der Liebhaber seiner Frau ist ihm, da Mann, näher als sie.

Der netteste seiner Kumpel, ein Antiquar mit kriminalistischen Neigungen, hat sich ihm aufgedrängt; und wo er, Leo, einer zudringlichen Frau wahrscheinlich die Tür gewiesen hätte, akzeptiert er Freundschaft und Mitarbeit des Bücherwurms; denn der will auch nur das eine: Abenteuer in der Männerwelt. Zu ihm kann Leo Sätze sagen wie: "Wissen Sie eigentlich, worauf wir uns da einlassen?", und schon kommt Spannung auf.

Daß dieses pubertäre Konzept von Unterhaltung immer noch mal neu aufgelegt wird, spricht dafür, daß das Kind im Mann sich in der Programmverantwortung behauptet. Wir haben doch im Fernsehen längst Kommissarinnen und Verbrecherinnen, haben den Krimi mit weiblicher Kompetenz nachgerüstet und sollten nun nicht mehr zurückfallen. Aber die mythische Qualität des verschworenen Männerbundes, in dessen Sphäre der Thrill von Jagd und Kampf ungebrochen bleibt durch die erotische Irritation, ist wohl zu stark, um ohne wiederholte Abschiedsvorstellungen von der Bühne zu verschwinden. Allmählich aber wird das Verquält-Romantizistische und Bübisch-Lächerliche dieser Spielart von Eskapismus spürbarer und sein Chauvinismus kriegt was Ärgerliches: Da gibt es in der "Großen Freiheit" auch mal einen Mann, dessen Leben sich um die Liebe dreht. Die Frau seines Herzens kommt gleich zu Beginn groß ins Bild: als Leiche auf der Bahre. Der Gatte, untröstlich und entschlossen, ihr in den Tod zu folgen, läßt einen Koffer voll Heroin im Krankenhaus stehen und setzt so die Handlung in Gang. Zu irgend etwas, so die Message, sind Frauen also doch gut.

Leute, die Aufteilung der Welt in belanglosen Frauenkram und heroisches Kräftemessen unter Männern ist passé. Das Kind im Mann ist erwachsen geworden und erweist sich als Tochter. Der Kult um die einsame, sich selbst genügende Männlichkeit wird Geschichte. Aktuell ist die Frau im Mann - und umgekehrt.