ZEITmagazin: Herr Lenz, Mitte der achtziger Jahre galt Ihre Musik als derart subversiv, daß Sie eine eigene Plattenfirma gründen mußten, weil Ihnen niemand eine Chance gab. Jetzt ist Techno überall, und Sie hatten diesen Sommer mit "Sonic Empire" zum ersten Mal einen Nummer-eins-Hit in den Charts. Sie sind am Ziel und gleichzeitig am Ende. Am Ende von Techno als subversiver Bewegung. Sie sind Establishment.

Maximilian Lenz: Wenn die Subkultur von der Gesellschaft vereinnahmt wird, heißt das doch nur, daß sie von großem Interesse ist. Sie drückt aus, wie sich diese Zeit selbst sieht. Mir gefällt das. Revolutionen wollen etwas revolutionieren und nicht in Nischen Platz nehmen. Die DJ-Kultur hat die Klänge der modernen Zeit umgesetzt, Kunst daraus gemacht und sie auf die Straße gebracht. Sie hat eine völlig veränderte Popkultur hervorgebracht.

ZM: Der Technomissionar hat seinen Auftrag erfüllt. Die Avantgarde ist Massenbewegung geworden. Die Gegenkultur wird Freizeitkultur und löst sich in ihr auf.

Lenz: Man darf nicht vergessen, daß Gegenkultur auch immer Freizeitgegenkultur ist. Auch die frühesten Technopartys waren eben Partys und fanden meistens samstags statt. Aprés le travail sozusagen. Die meisten glauben immer noch, Underground sei ein von der Gesellschaft abgeschlossenes System. Das Publikum kümmert sich zum Glück nicht darum, auch wenn alle noch die Floskel nachbeten, Techno dürfe nicht kommerziell sein. Das muß man kapieren: Underground ist Teil des Systems. Es ist eine Lebenslüge, es sei anders. Dahinter steckt die Vorstellung, Underground müsse immer eine systemumstürzende Wirkung haben. ZM: Für einen Technomusiker, der sich als Dissident versteht, ist Integration ein Weltuntergang.

Lenz: Die Gesellschaft reproduziert sich nicht nur im Underground, sie erneuert sich durch ihn. Was soll daran katastrophal sein? Ich glaube nicht, daß das Glück der Menschen davon abhängt, ob die Gesellschaft umgestürzt wird. Das ist eine Schimäre. Was Pop an Befreiung liefert, sind immer nur persönliche Momente. Persönliche Ekstase, für Sekunden. Kein Systemumsturz. Popmusik bewirkt die Befreiung im Augenblick. Das ist auch die Wirkung guter Kunst. Alles andere ist Blödsinn.

ZM: Nicht der Underground, sondern die Massenkultur, sagt heute die Avantgarde, erfüllt die Träume der Kunst. Möchten Sie der Andy Warhol der Musik sein? Ja sagen ohne Einverständnis?

Lenz: So ähnlich. Wie sagt eine Figur von Thomas Bernhard: "Wir sind fast gegen alles, protestieren aber gegen nichts mehr."