Kinshasa

Als Laurent-Désiré Kabila am 20. Mai mit seinen Truppen in Kinshasa einzog, säumten jubelnde Menschen die ramponierten Prachtstraßen der zairischen Hauptstadt. Dem jovialen Glatzkopf in Safarianzug und Strohhut war mit seiner Rebellenallianz AFDL in einem halbjährigen Blitzkrieg gelungen, was die einheimische Opposition nicht vermocht hatte: den Despoten Mobutu zu vertreiben, der das Land 32 Jahre lang ausgeplündert hatte. Der neuen "Demokratische Republik Kongo" versprach Kabila nun eine glorreiche Zukunft in Frieden und Wohlstand.

Sechs Monate später hängen tintenblaue Regenwolken über der Stadt, und der Elan des Neubeginns ist dahin. Spaziergänger zucken vielsagend mit den Schultern, wenn die schwerbewaffnete Fahrzeugkolonne des Präsidenten mit Sirenengeheul durch die wassergefüllten Schlaglöcher der Boulevards braust.

Und die Tageszeitung La Référence Plus schimpft: "Viele Kongolesen sind tief enttäuscht. Es wird immer augenfälliger, daß Kabila weitermacht, wo Mobutu aufgehört hat. Was könnte beunruhigender sein?"

Das unterscheidet den Kongo von vielen anderen autoritär regierten Staaten des Kontinents: So zerrüttet die Wirtschaft und die staatlichen Institutionen dieses Landes sind, so quicklebendig ist seine Zivilgesellschaft. Das Parteienverbot, das die Allianz prompt verhing, hat zwar die alte Opposition in den Untergrund getrieben. Aber die hyperaktive Hauptstadtpresse und ein landesweit gespanntes Netzwerk von Menschenrechtsorganisationen und Aktivisten haben nicht jahrelang gegen Mobutu gekämpft, um sich von einem Kabila beeindrucken zu lassen. Mit einer Schärfe, die anderswo in Afrika unvorstellbar wäre, geißeln sie die Fehlleistungen der Regierung: Ziellosigkeit, mangelnden Sachverstand, Desinteresse an Rechtsstaatlichkeit und Demokratie und die Schutzlosigkeit der Bürger gegenüber den täglichen Übergriffen der Armee. Vor allem eines aber wollen sie wissen: Werden sie, nach mehr als einem Jahrhundert der Knechtschaft unter weißen und später schwarzen Fronherren, nun von einem Mann regiert, der sich um der Macht willen zum Komplizen eines Massenmordes gemacht hat?

Für viele einheimische Menschenrechtsgruppen ist die Antwort klar. Der Befreiungsfeldzug im Oktober 1996 hatte mit einem Vernichtungsschlag gegen die 1,1 Millionen Hutu begonnen, die nach dem Völkermord von 1994 aus Furcht vor der Rache der Tutsi nach Ostzaire geflohen waren und sich dort in waffenstarrenden Lagern niedergelassen hatten. Seitdem waren immer wieder Gerüchte von Massakern an den Flüchtlingen durch die AFDL-Truppen und ihre ruandischen Alliierten an die Öffentlichkeit gesickert die activistes aber begannen nachzuforschen, oft unter Lebensgefahr.

Azadho, Linelit, Voix des Sans Voix, Haki Za Binadamu, Apredeci: Alle diese Gruppen und viele mehr haben Zeugen befragt, Namenslisten von Opfern gesammelt und Tatorte aufgesucht. Sie haben alles akribisch dokumentiert und manchmal Auszüge aus internationalen Garantien dazugestellt: "Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person. Artikel 3, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte".