Beschämt und blamiert wie nie zuvor in der 110jährigen Geschichte des Stuttgarter Autobauers stehen sie nun da - die sonst so stolzen Manager von Daimler-Benz können einem beinahe leid tun. Die Peinlichkeit, für die sie nun nach plausiblen Gründen zu forschen haben, ist kaum zu überbieten: Zum ersten Mal überhaupt mußten die Schwaben einen Mercedes aus Sicherheitsgründen wieder vom Markt zurückziehen und ihren Kunden eingestehen, daß sie ihre Schulaufgaben nicht gemacht haben. Der Schaden für den größten deutschen Industriekonzern ist riesig, die Folgen für Mitarbeiter und Aktionäre sind unabsehbar. Nicht Kratzer im Lack sind zu beklagen - die könnten bald wegpoliert sein -, sondern Beulen im Blech.

Es geht hier um viel mehr als um eine der zahlreichen Rückrufaktionen, wie sie in der Autobranche meist aus Sicherheitsgründen und wegen der damit verbundenen Sorgen um Image und Finanzen fast an der Tagesordnung sind. Denn die vollständig neu entwickelte A-Klasse, mit der Daimler erstmals gegen Volkswagen und den Bestseller Golf angetreten ist - ausgerechnet dieser Hoffnungsträger des Stuttgarter Konzerns erwies sich in einem entscheidenden Punkt als glatter Flop, dem die Mercedes-Manager nur mit einer einmaligen Totaloperation begegnen konnten.

Konsequent und gründlich, wie das dem alten Mercedes-Image entspricht ("Wir bauen die besten Autos der Welt"), spendieren sie dem kleinsten Wagen des Hauses nun eine zusätzliche Reifezeit von drei Monaten, damit er in Zukunft auch in extremen, aber nicht völlig praxisfremden Fahrsituationen wie dem Elchtest auf allen vier Rädern bleibt, anstatt umzukippen. Folgerichtig, aber ebenso teuer, erscheint auch der totale Auslieferungsstopp bis Mitte Februar.

Unlogisch wirkt dagegen, daß die Rastätter Fabrik - mit gebremstem Schub - weiterproduziert. Die 200 Fahrzeuge pro Tag können doch nur auf der grünen Wiese geparkt und im kommenden Jahr aufwendig nachgerüstet werden.

Die Flucht nach vorn, die Daimler-Benz am Dienstag nachmittag antrat, ist Vorstandschef Jürgen Schrempp bestimmt nicht leichtgefallen. Er beendet damit wochenlange, aber erfolglose Versuche seiner Vorstandskollegen Jürgen Hubbert und Dieter Zetschke, die peinliche Affäre mit Beschwichtigungen und Teilwahrheiten aus der Welt zu schaffen. Schrempps Remedur, die trotz gegenteiliger Beteuerungen kaum ohne personelle Konsequenzen bleiben wird, verstärkt zwar kurzfristig das Negativgetöse um die A-Klasse und treibt die "Reparaturkosten" sicher weiter in die Höhe: Mindestens 300 Millionen Mark niedriger als geplant werden die Autogewinne 1997 und 1998 ausfallen. Aber mittelfristig ist nur so dauerhafter Schaden an der Marke Mercedes zu vermeiden.

Die Megapanne bei Daimler-Benz, über die sich kein Konkurrent frohen Herzens freut, weil ihm als nächstem so etwas auch passieren kann, ist ein Warnsignal für die gesamte Branche. Das Wettrennen um immer kürzere Entwicklungszeiten für neue Modelle, in das sich die Autohersteller gegenseitig hineingetrieben haben, birgt offenbar Risiken, die neu abgeschätzt werden müssen. Gerade Daimler-Benz hat seinen Technikern in den vergangenen vier, fünf Jahren besonders viel zugemutet und die Entwicklungsmannschaften im Zuge der Produktoffensive massiv unter Zeit- und Kostendruck gesetzt. Ein neuer Geländewagen, der Stadtfloh Smart, jede Menge Roadster, Coupés und die A-Klasse mußten in Rekordzeit auf die Räder gestellt werden. Die traditionellen Baureihen brauchten zur selben Zeit natürlich auch Nachfolger.

Als Opel kürzlich aus Qualitätsgründen den Produktionsstart für den neuen Astra um ein halbes Jahr verschob, war das eine richtige Entscheidung. Der Auslieferstopp für die A-Klasse kam zu spät.