Banja Luka Das Haus Nummer 56 in der Straße König Alfons XIII. hat längst abgedankt als menschliche Unterkunft. Das Dach steht vor dem Einsturz. Die Wände drinnen sind feucht. Die klamme Kälte kriecht schnell durch die Kleider. Die Erde ist nur mit Bretterbohlen abgedeckt. Über die Löcher und Spalten ist Blech gezogen. Das hindert die Ratten und Mäuse nicht, sich in der Wohnung frei zu bewegen. Zwar sind überall Fallen aufgestellt, doch das hilft so wenig, daß der zweijährige Stefan überhaupt keine Angst vor Ratten kennt. Sie sind um ihn.

Vor 32 Jahren wurde hier Stefans Vater Zelko Cukovic geboren. Das Haus hat ihm nie gehört, aber er hat es sich gerichtet. Wurde Schlosser, wollte sich Haus und Zukunft ausbauen. Bis der 9. September 1991 kam. Da zog der damals 26jährige Serbe in den Krieg. "Wenn mir jemand 1990 gesagt hätte, daß ich geschickt würde, um zu töten, hätte ich ihn an die Psychiatrie verwiesen.

Alle, die ihre Hände in Blut getaucht haben, müssen vor Gericht. Wenn auch ich schuldig bin, will ich dafür gerne zur Verantwortung gezogen werden. Ich war aber nur ein Soldat im Schmutz, ein Tropfen im Meer", sagt Cukovic. "Kurz bevor der Krieg zu Ende war, schickten mich die Kommandeure nach Hause, weil ich ,kämpferisch erschöpft' sei, wie sie sagten."

Heute sieht Zelko wie ein Mittvierziger aus. Seine Hände sind kaputt und schwarz. Man sieht, daß er auch mit der verletzten Faust noch alles anzupacken versucht - wenn Freunde mal etwas für ihn finden. Er hört nicht gut, das Kreuz ist lahm, das Nervenkostüm durchgescheuert. Seine Soldatenrente beträgt 54 Dinar, umgerechnet 14 Mark. Seine Frau hat zehn Jahre gearbeitet. Dann verlor sie ihren Job. Fast alle Räder stehen ja still im Land.

Im Dezember kommt das zweite Kind. Die Regierung der Republika Srpska hat das Geld für die Kriegsinvaliden noch nicht bereitgestellt. Das heißt: keine Sozialversicherung für die Cukovic', bisher. Wenn sich das bis Dezember nicht ändert, müßte Zelko für den Krankenhausaufenthalt seiner Frau 900 Mark zahlen.

Vor einiger Zeit hat der 32jährige Kriegsinvalide eine seiner Nieren öffentlich zum Verkauf angeboten. Gegenüber der Nezavisne novine (Unabhängige Zeitung) in Banja Luka erklärte er: "Ich habe mich allen Tests unterzogen, die Nieren sind kerngesund. Wer meine Niere kauft, fährt gut, wird es bestimmt nicht bereuen. Nur wenn ich die Niere hergebe, kann meine Familie überleben."

Bisher hat er zwei Angebote erhalten, sagt Zelko. Einmal konnten sie sich über den Preis nicht einigen. Das andere Mal paßten die Blutgruppen nicht zueinander. "Aber dieser Käufer aus dem Ausland fand den Preis von 70 000 Mark niedrig. Im Westen werden für Nieren über 200 000 Mark geboten. Ich verlange nur ein Drittel davon."