Montigny heißt das Dorf im Roman. Ein paar "Häuser, die von der Höhe des Hügels hinunterpurzeln bis in die Tiefe des Tals, treppenförmig gestaffelt zu Füßen eines großen Schlosses". Auf der Landkarte trägt das Dorf den Namen Saint-Saveur-en-Puisaye. Es liegt im abgeschiedenen Westzipfel Burgunds, inmitten einer sanft gewellten Wiesen-, Wald-, Weiher- und Heckenlandschaft.

Die tonhaltige Erde ließ bereits im 14. Jahrhundert das Töpferhandwerk erblühen. Der Ocker, der im Boden gefunden wird, sorgt dafür, daß in so mancher Dorfkirche bis heute eindrucksvolle mittelalterliche Fresken in Rot- und Gelbtönen die Wände zieren.

In Saint-Saveur-en-Puisaye wird am 28. Januar 1873 Sidonie-Gabrielle Colette geboren. Ihre Wiege steht in jenem zweistöckigen Haus, das als zweites Gebäude unterhalb des Schlosses an einer steilen, parallel zur Rue des Vignes verlaufenden Gasse lehnt. Im Zimmer über dem großen Hoftor, hinter dessen dunklem Balkenwerk sich ein üppiger, bis zur Rue des Vignes reichender Garten versteckt, lebt die spätere Schriftstellerin, bis sie ihrem Pariser Gatten im Alter von zwanzig Jahren in die Seine-Metropole folgt. In ihren frühen "Claudine"-Romanen erinnert sich Colette in liebevoll-pointierten Szenen an diese Zeit, an die Menschen, die Landschaft, das Dorf, das Vaterhaus.

In dem "ernsten Haus" der Kindheit und Jugend, hinter seiner "anmutslosen Fassade mit ihrer schwärzlichen, hinkenden Freitreppe und dem Glockenzug", so wünschte es Colettes Tochter, Madame Jouvenel, bereits 1974, soll ein Museum zu Ehren ihrer Mutter entstehen. Doch das Anwesen befindet sich bereits seit langem in fremden Händen. Im Rathaus sieht man keine Möglichkeit, den Besitzer zum Verkauf zu zwingen. Aber das Schloß, so heißt es, böte vielleicht eine Möglichkeit. Sein Zustand freilich, von Colette schon um die Jahrhundertwende als desolat beschrieben, läßt kaum auf die Verwirklichung dieser Idee hoffen. Sieben Jahre vergehen, ohne daß etwas geschieht. Dann stirbt Madame Jouvenel.

Ihre Brüder und deren Kinder übernehmen den Kampf ums Museum. Sie ziehen dabei jedoch zunächst Colettes letztes Appartement in Paris als Standort in Betracht. Trotz Intervention des Regierungspräsidenten, des Kulturministers, des Bürgermeisters von Paris und der Banque de France ist es aber unmöglich, die Räumlichkeiten im Palais Royal anzukaufen. So entschließen sich Colettes Erben, die gesamte Hinterlassenschaft der Literatin Saint-Sauveur zu vermachen - mit der Auflage, dort eine Gedenk- und Forschungsstätte zu Ehren der Mutter und Großmutter einzurichten.

Im Jahr 1987 unterzeichnen Erben und Stadtverwaltung den entsprechenden Vertrag. Die Stadt stellt das inzwischen in ihren Besitz übergegangene Château de Saint-Sauveur zur Verfügung. Ein Mäzen wird gewonnen. Acht Jahre später, 1995, kann das Musée Colette endlich seine Pforten öffnen. Mit seiner strahlend gelben Fassade erhebt sich das einstige Schloßgebäude in wiedererstandener Noblesse am Rand eines weitläufigen, leicht abschüssigen Parks mit saftigen Rasenflächen und Lindenbaumalleen. Zwei steinerne Löwen flankieren den Terrassenaufgang zum Museumsportal.

Hinter seinen gläsernen Flügeln wähnt man sich allerdings gleich wieder im Freien: Die Decke des Entrees suggeriert einen von Baumwipfeln gesäumten azurnen Sommerhimmel. Auch die Tönung der Wände verweist auf Colettes Lieblingsfarbe Blau (sie schrieb ausschließlich mit blauer Tinte auf blauem Papier). In die Steinplatten des Fußbodens ließ Museumsgestalterin Hélène Mugot zwischen vier schlanke Säulen sämtliche Adressen der nomadischen Autorin gravieren. Ein "virtuelles Haus" für die Unbehauste, für die ewige Vagabundin zwischen Männern und Orten.