Was soll schon dabei sein, zügigen Schrittes den Flur entlangzugehen, auf der Stelle umzudrehen und zurückzumarschieren? Für Ilse Deichmann war es eine Tortur, eine Aufgabe, die ihre gesamte Willenskraft erforderte. Leicht vornübergebeugt und mit steifen Armen trippelte sie die paar Meter, die Füße schienen am Boden zu kleben, als hätte sie Klebstoff unter den Sohlen. Mit winzigen Schritten wendete die am Parkinson-Syndrom erkrankte Frau und schlurfte zurück.

Das war damals. Heute legt die 58jährige die Strecke mit pendelnden Armen wieder flott zurück und wendet behende. Für Ilse Deichmann kam das Erwachen dank eines Hirnschrittmachers. Eine tief ins Hirn versenkte Elektrode und ein streichholzschachtelgroßer Impulsgeber bieten jenen Parkinson-Kranken einen Funken Hoffnung, deren Therapie ausgereizt ist, bei denen Medikamente versagen oder unerträglichen Nebenwirkungen hervorrufen. Und dieses Stadium erreicht irgendwann fast jeder der von der Schüttellähmung Geplagten, an der allein in Deutschland rund 250 000 Männer und Frauen erkrankt sind.

Auf Erleichterung durch den Schrittmacher können auch Menschen mit essentiellem Tremor rechnen, einem wilden Zappeln der Hände und Arme, oder auch jene mit einem starken Zittern aufgrund Multipler Sklerose. "Der Effekt ist meist dramatisch. Die Alltagssituation der Betroffenen verbessert sich deutlich, da geht es nicht nur um ein paar Punkte auf einer Bewertungsskala", sagt Jens Volkmann, Neurologe an der Universität Düsseldorf, der gemeinsam mit dem Kölner Neurochirurgen Volker Sturm die Methode verbessert.

Rund fünfhundert Patienten bekommen mittlerweile jährlich allein in Europa einen Neurostimulator eingepflanzt, gut hundert hierzulande. Tendenz rasch steigend. Überzeugt durch die frappierenden Erfolge, hat die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA den direkten Draht ins Gehirn vor kurzem in den USA zugelassen. Der Hirnschrittmacher ist eine höchst willkommene Alternative zu einer ebenfalls am Anfang stehenden, aber ethisch äußerst heiklen Therapie: der Verpflanzung von Hirnzellen aus abgetriebenen menschlichen Feten.

"Es ist sinnvoll, wenn ein Zentrum ein möglichst breites Spektrum an Verfahren anbietet", meint Guido Nikkhah vom Nordstadt-Krankenhaus in Hannover, der seit mehreren Jahren die Zelltransplantation vorbereitet und deshalb ins Kreuzfeuer der Kritik geriet. Wohl auch um weniger Angriffsfläche zu bieten, will das Nordstadt-Krankenhaus demnächst die Neurostimulation anbieten, neben zehn anderen deutschen Kliniken etwa in Berlin, Heidelberg und Homburg/Saar.

Bei der Vorstellung, einen dauerhaft feuernden Metallstab im Schädel zu tragen, mag mancher erschrecken. Nicht so Ilse Deichmann. Als die Ärzte ihr die Operation vorschlugen, "gab es für mich gar keine lange Überlegung", sagt sie. Nach zehnjähriger Krankengeschichte war sie verzweifelt. Der Medikamentenklassiker L-Dopa versagte inzwischen bei ihr. Die Hälfte des Tages war sie wie eingefroren, konnte sich kaum bewegen. Die übrige Zeit wurde sie von unwillkürlichen, überschießenden Bewegungen der Arme, der Schultern, des Kopfes geplagt. "Ich lag nur noch auf der Couch und zappelte", erinnert sie sich. Die Arbeit im Büro des familieneigenen Dachdeckergeschäfts mußte sie aufgeben. Im Haushalt brauchte sie Hilfe. Sie getraute sich nicht mehr, vor jemandem herzugehen, weil sie wegen der unkontrollierbaren Überbewegungen schwankte. "Ich hatte Angst, die denken, ich bin betrunken."

Anfang 1997 lag sie auf dem OP-Tisch. Die Neurochirurgen bohrten ihr bei örtlicher Betäubung kurz über der Stirn bleistiftdicke Löcher in die Schädeldecke und schoben mit Hilfe eines Zielgerätes in beide Hirnhälften eine etwa 1,3 Millimeter starke Elektrode. Wenige Tage später nähten die Ärzte in Hauttaschen unter dem Schlüsselbein die batteriegetriebenen Impulsgeber und verbanden sie durch einen unter der Haut verlegten Draht mit den feinen Metallstäben. Ilse Deichmann hat den Eingriff nicht bereut. Längst hat sie verlorengegangene Selbständigkeit wiedergewonnen.