Ideengeschichte war einst eine deutsche Spezialität heute dagegen hat sie hierzulande einen schweren Stand. Den Historikern erscheint sie als idealistisch, den Philosophen als unsystematisch und den Sozialwissenschaftlern als rückwärtsgewandt. In der angelsächsischen Welt verlaufen die Konjunkturen anders. Die Begegnung mit dem Reichtum des in der eigenen Kultur und in anderen Traditionen immer schon Gedachten wird dort als Befreiung erlebt: als Befreiung aus der Sterilität des methodischen Philosophierens und der Erfahrungsferne sozialwissenschaftlicher Forschungen.

Kein anderer Autor hat in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts durch sein Beispiel so viel zum Aufschwung der Ideengeschichte im englischsprachigen Raum beigetragen wie Isaiah Berlin. 1909 in Riga als Sohn eines jüdischen Holzhändlers geboren, verbringt er nach dem Umzug der Familie 1915 ins soeben erst umbenannte Petrograd prägende Jahre der Kindheit im Zeichen der russischen Revolution. Als Bürger des nun unabhängigen Lettland glücken ihm und seinen Angehörigen die Flucht aus den Schrecken der Revolutionszeit und die Emigration nach Großbritannien - dem Traumziel des liberal-anglophilen Vaters.

Auf der britischen Insel gelingt dem Sohn eine zu höchsten Ehren führende akademische Karriere. Schon vor dem Krieg verkehrt er in jenen elitären Kreisen in Oxford, aus denen ein wesentlicher Strang der analytischen Philosophie hervorging. Sein eigenes Werk beugt sich allerdings von Anfang an nicht den Zwängen dieses neuen Genres. Während des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit arbeitet Berlin an den britischen Botschaften in Washington und Moskau. Erst danach findet er das ihm entsprechende Medium: den Essay über vergessene oder verkannte Figuren der Geistesgeschichte. Und doch scheint ein großer Teil seines enormen Einflusses auch unmittelbar von seiner Person ausgegangen zu sein. Als akademischer Lehrer und Vortragsgast, als intellektueller Causeur von hohen Graden, als persönlicher Freund großer Dichter und Musiker und schließlich als Präsident der British Academy von 1974 bis 1978 wird Isaiah Berlin zu einer der Schlüsselfiguren des geistigen Lebens in Großbritannien. Seine zahlreichen Essays, von ihm immer wieder kokettbescheiden als bloße Auftrags- und Gelegenheitsarbeiten etikettiert, werden in einer stattlichen Reihe von Büchern gesammelt.

Gewiß, die Zahl von Arbeiten, in denen Berlin direkt zur systematischen Philosophie beizutragen versuchte, ist eher klein. Vornehmlich seine Aufsätze zum Freiheitsbegriff, insbesondere die Antrittsvorlesung von 1958 über positive und negative Freiheit ("Two Concepts of Liberty") gehören aber zum Kernbestand der politischen Philosophie unserer Zeit. Robert Darnton hat diesem Text dieselbe Bedeutung für das Selbstverständnis des britischen Liberalismus während des Kalten Krieges zugesprochen wie John Stuart Mills berühmter Abhandlung "On Liberty" für das 19. Jahrhundert. Berlins Essay verteidigt energisch einen "negativen" Begriff von Freiheit - und zwar als Recht des Individuums zur Verwirklichung selbstgesetzter Zwecke, gegen die Gefahren "positiver" Konzeptionen von Freiheit, gegen substantielle Vorstellungen über eine für alle verbindliche soziale Ordnung. Die Frage, in welchem Maße wir überhaupt regiert werden wollen, müsse von der Frage, wie und von wem wir regiert werden wollen, deutlich unterschieden werden. In seiner Kritik an der "positiven" Konzeption von Freiheit zielt Berlin auf zwei Gegner, zwischen denen er zudem eine untergründige Verknüpfung sieht. Er wendet sich zum einen gegen ein quietistisches, apolitisches Verhältnis zur bürgerlichen Freiheit. Zum anderen kritisiert er eine potentiell totalitaristische, die Rechte der Individuen einfach überspringende Vision von der definitiven Realisierbarkeit eines guten Lebens für alle.

Nun ist der antitotalitäre Impuls hinter den Unterscheidungen dieses Textes unverkennbar. Wie die ausgewogene Kritik von Berlins Schüler und Freund Charles Taylor, aber auch zahlreiche weitere Diskussionen zeitgenössischer Philosophen sowie die ganze philosophische Kontroverse um Liberalismus und Kommunitarismus in den achtziger Jahren gezeigt haben, sind Berlins Darlegungen gewiß nicht das letzte Wort in dieser Sache.

Auch Berlin selbst hat schließlich in rückblickenden Stellungnahmen immer mehr das relative Recht "positiver" Freiheitskonzeptionen eingeräumt und eine Balance zwischen den beiden Konzeptionen ins Auge gefaßt. Ganz falsch wäre es also, im Liberalen und Aufklärer Berlin einen Dogmatiker des Liberalismus, einen Fundamentalisten der Aufklärung zu sehen. Daran hinderten ihn schon intellektuelle Neugierde und Beweglichkeit. In einem Interview räumte er ein, es wäre ihm einfach langweilig gewesen, immer wieder das Bekenntnis zu der ihn tragenden liberalen Tradition abzulegen und die schon bei klassischen Aufklärern unverkennbaren dogmatischen Verhärtungen noch zu verstärken. Für Berlin charakteristisch ist gerade der Mut, die Spannung auszuhalten zwischen der entschieden verfochtenen liberalen politischen Überzeugung und dem leidenschaftlichen Interesse auch an nichtliberalen und antiliberalen Formen des Denkens.

Sein frühes Buch über Marx zeigt diese Inspiration noch am wenigsten. Aber die Schriften zu Machiavelli, zu Vico und Herder, Hamann und de Maistre, Moses Heß und Georges Sorel sowie die zahlreichen Arbeiten zu russischen Denkern und Erzählern des 19. Jahrhunderts wie Tolstoj, Turgenjew und Alexander Herzen fahren die Ernte seiner mutigen ideengeschichtlichen Forschungen ein. Berlins individualisierender Sinn für nationale Besonderheiten und kulturelle Entwicklungen, überhaupt sein Gespür für die Gegen- und Unterströmungen zum Projekt der Aufklärung erweiterten das Bild der europäischen Geistesgeschichte und dehnten den insulären Horizont des britischen Liberalismus aus.