MÜNSTER. - "Es werden auch noch andere Zeiten kommen", schallt es Hans Ulrich Thamer, dem Leiter des historischen Seminars der Universität, entgegen, und der drohende Unterton ist kaum zu überhören. Der Historiker hatte kürzlich bei einer Podiumsdiskussion zum umstrittenen Namen des Hindenburgplatzes wenig Gutes gelassen an dem ehemaligen Feldmarschall und Reichspräsidenten Paul von Beneckendorff und von Hindenburg, dessen Geburtstag sich im Oktober zum 150. Male jährte. Doch die Verfechter der Ruhmestaten Hindenburgs, die an diesem Abend im Festsaal des Rathauses deutlich in der Überzahl sind, halten ihrem Helden die Fahne hoch: Er habe Ostpreußen gerettet und die "rote Dampfwalze" durch seine Kriegsführung gestoppt.

Die Debatte ist der vorläufige Höhepunkt einer schon jahrzehntealten Diskussion um die Umbenennung dieses Platzes, der am Rande der Innenstadt liegt. Zwar mit dem Schloß im Hintergrund über eine historisch ästhetische Kulisse verfügt, in seiner Funktion als Parkplatz für Uni-Pendler und holländische Reisebusse jedoch allenfalls triste Großstadtatmosphäre versprüht.

Die Volkshochschule hatte im Auftrag der Bürgermeisterin und des Ältestenrats eine Art Bürgerbefragung initiiert, deren Beteiligung jedoch nicht gerade für ein überwältigendes Interesse bei den Münsteranern spricht: 1400 Bürger insgesamt gaben ihr Votum ab, 500 Stimmen kamen übers Internet, 900 an den mobilen Ständen auf dem Wochenmarkt hinzu. Wenn es nach dem für die rotgrüne Mehrheit im Rathaus enttäuschenden Abstimmungsergebnis gehen würde, bliebe alles beim alten: 55 Prozent sprachen sich für die Beibehaltung des Namens aus. Bis 1927 hieß der Hindenburgplatz schlicht und einfach Neuplatz. Zu Ehren des 80. Geburtstags des Generals hatte der Magistrat auf Antrag der Zentrumsfraktion entschieden, den Platz nach ihm umzubenennen. Am 3. April 1933 legte man an Ehrerbietungen noch zu: Hindenburg wurde gemeinsam mit Hitler zum Ehrenbürger erhoben.

Der ersten, von den Alliierten unmittelbar nach der Besetzung Deutschlands per Dekret angeordneten Straßenumbenennungswelle hielt der Hindenburgplatz ohne Blessuren stand. Die Adolf-Hitler- und Hermann-Göring-Straße wurden auf Anordnung der britischen Militärverwaltung im Juli 1945 jedoch sofort umbenannt. Ebenso die Hindenburgschule, die nun wieder Kreuzschule hieß. Im Zuge der weiteren lokal und regional betriebenen Vergangenheitspolitik gab es 1946/47 zusätzlichen Klärungsbedarf. Beim Innenministerium in Düsseldorf und dem Regierungspräsidenten gingen zunehmend Anfragen aus den Städten und Gemeinden ein, wie mit einer Benennung von Straßen, Plätzen und Schulen nach Hindenburg umzugehen sei. Der Innenminister stellte fest, daß die einschlägigen Anweisungen des Alliierten Kontrollrats nach wie vor maßgebend seien. Namen, die sich "auf kriegerische Ereignisse während des 1. Weltkriegs und auf alle direkt daran beteiligten Personen, Organisationen und Einrichtungen" bezögen, seien zu tilgen. Auch der Regierungspräsident erklärte ausdrücklich, daß Hindenburg "zweifellos mit den Ereignissen des ersten Weltkrieges" eng verbunden gewesen sei. Seine Ehrung in Straßen-, Platz- und Schulnamen sei deshalb mit den Bestimmungen des Alliierten Kontrollrates "nicht zu vereinbaren".

In Münster trat der Ausschuß zur Umbenennung von Straßen im Sommer 1947 zusammen. Beschlossen wurde die Rückbenennung des Hindenburgplatzes in Neuplatz. Warum dieser Beschluß niemals umgesetzt wurde, darüber darf spekuliert werden. Dokumente, die Licht ins Dunkel bringen könnten, sind bisher nicht aufgetaucht.

Erst dreißig Jahre später läuteten zwei Initiativkreise die nächste Umbenennungsrunde ein. Ihr Vorschlag: Dr. Salvadore-Allende-Platz. Doch das Stadtarchiv riet damals dem Kulturausschuß, die gewünschte Umbenennung abzulehnen.

Den nächsten Vorstoß auf den Hindenburgplatz unternahm 1988 die Friedensinitiative. Ihr Vorschlag, gestützt durch immerhin 3000 Unterschriften: Umbenennung nach dem ermordeten schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme. Doch dieser Antrag scheiterte ebenso wie der der "Autonomen Frauenforschungsstelle Schwarze Witwe", die 1995 eine Umwidmung in Bertha-von-Suttner-Platz beantragte. Der Internet-Vorschlag eines TV-Fans, den zentralen Ort nach einem populären Sohn der Stadt, Medien- und Showtalent Götz Alsmann, umzubenennen, beweist zwar Lokalbewußtsein, aber wenig historischen Sinn. Die Umbenennungsbefürworter favorisieren eine Umwidmung in Platz des Westfälischen Friedens, was ein Reflex auf den Medientrubel um das 350jährige Jubiläum des Westfälischen Friedens ist, das im nächsten Jahr gefeiert wird.