Nicht nur Bücher, auch Manuskripte haben ihr Schicksal. So ist in aller Stille - in der Sphäre von Anwälten wohl "Diskretion" genannt - kürzlich ein Literaturkrimi um verschollene Teile des Werkes von Walter Benjamin zu Ende gegangen anders als in jenem Genre zu einem schließlich günstigen.

Der Autor des "Passagen"-Buches hatte 1940, bei seiner Flucht aus Paris vor den anrückenden Landsleuten, wichtige Manuskripte seinem Freund Georges Bataille anvertraut der arbeitete als Bibliothekar in der Bibliothèque Nationale, wo er sie versteckte. Benjamin hatte Bataille gebeten, ihm diese Manuskripte nach dem Krieg zurückzugeben oder sie - im Falle seines Todes - an den Freund Adorno weiterzuleiten. Die Kriegs- und Nachkriegswirren verzögerten eine prompte Übergabe, wofür sich Bataille - der inzwischen nicht mehr in der Bibliothèque Nationale arbeitete und die Manuskripte in seiner Wohnung verwahrte - ausdrücklich in einem Brief vom Oktober 1945 entschuldigte der ging an Pierre Bonnasse, einen unter dem Pseudonym Pierre Missac publizierenden französischen Schriftsteller, mit dem wiederum Walter Benjamin in den letzten Jahren befreundet war. Bonnasse forschte im Auftrag von Dora Benjamin, der in der Schweiz lebenden Schwester, nach dem Verbleib des Nachlasses. Auf weitverzweigten Pfaden - der in den USA lebende Theodor W. Adorno war 1945 von Europa aus schwer zu erreichen - wurde dieser als "Nachlaß parisien" oder "erster Nachlaß parisien" bezeichnete Teil von Benjamins Hinterlassenschaft schließlich auch übergeben. Anfang 1947 wurde er von der Frau eines Angehörigen der US-Botschaft in Paris in die USA gebracht und dort Adorno übergeben der "editorische Bericht" Rolf Tiedemanns im "Passagenwerk" sowie ein Aufsatz von Pierre Missac in der Revue der Bibliothèque Nationale geben darüber Auskunft. Alle diese Schriften wurden in Band V der kritischen Benjamin-Ausgabe veröffentlicht.

Warum nun "erster Nachlaß parisien"? Weil im Jahr 1981 ein italienischer Forscher, Giorgio Agamben, in der Bibliothèque Nationale Manuskripte ausfindig machte, die Bataille ganz offensichtlich vergessen hatte an Adorno weiterzuleiten. Inzwischen - den Herrn Reemtsma kann man ja wahrlich die kulturelle Feuerwehr der zweiten deutschen Republik nennen - war die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur Trägerin des Adorno-Archivs und damit auch, durch Vertrag "mit den Erbeserben", Urheberrechtsinhaberin und Nachlaßverwalterin des Werks von Walter Benjamin.

Nun entbrannte ein bizarrer juristischer Krieg, in dessen Verlauf Hamburger und Pariser Anwälte, die Anwälte der Bibliothèque Nationale und schließlich die von Hamburg beauftragten Pariser Anwälte mit Hilfe einer Klage vor dem Tribunal de Grande Instance de Paris sich Feuergefechte lieferten. Ein Paris-Besuch von Rolf Tiedemann im Jahre 1982 (also vor der Klage), entriert mit einer geradezu rührenden handschriftlichen "Eidesstattlichen Erklärung" - "Ich heiße Dr. Rolf Tiedemann und bin Direktor des Theodor W. Adorno Archivs in Frankfurt am Main, in dem der schriftstellerische Nachlaß von Walter Benjamin bewahrt, archiviert und ediert wird" -, verlief ergebnislos. Trotz einem umfangreichen Dossier mit Briefen von Dora Benjamin, dem Zeugnis von Pierre Bonnasse, Briefen Batailles und Benjamins erklärte der damit konfrontierte Direktor der Bibliothèque Nationale: "Il m'est malheureusement pas possible de donner une suite favorable à cette demande ..." - nämlich der Herausgabe der Manuskripte. Schon 1982 stellte der verblüffte Bonnasse - von Tiedemann um Intervention gebeten - nach einem Gespräch mit der Leiterin des Département des Manuscrits, Madame Callu, und mit Georges Batailles Witwe Diane fest, daß die Blätter des Fonds Walter Benjamin mit dem Besitzerstempel der Bibliothèque Nationale versehen worden waren. Auch das Exemplar der eigenen Hauszeitschrift mit dem Aufsatz von Bonnasse, aus dem die Besitzverhältnisse deutlich hervorgehen, war verschwunden.

Schließlich präsentierte die Bibliothèque Nationale ein absonderliches Dokument - die mit "Mai 1982" datierte Schenkungsurkunde der Madame Bataille: "Je soussignée Diane Bataille, Veuve de Georges Bataille, donne au Département des Manuscrits de la Bibliothèque Nationale un dossier de manuscrits de l'écrivain Walter Benjamin déposé par mon mari il y a quelques années à la Bibliothèque Nationale."

Mit der hübschen Nonchalance, mit der man in Paris auch Bilder von Max Ernst als die eines "peintre français" kenntlich macht oder im Louvre einen "le Perugin" ausstellt, der üblicherweise als Il Perugino bekannt ist, hatte man sich über die simple Tatsache hinweggesetzt, daß Bataille die Manuskripte nicht geschenkt, sondern zur Aufbewahrung übergeben worden waren was er selber auch nie anders dargestellt hat. Madame Bataille hatte etwas verschenkt (oder verkauft?), was ihr nicht gehörte. Und die Bibliothèque Nationale nahm etwas entgegen, wobei sie wissen mußte, daß dies nicht rechtens war.

Im Schriftsatz der Pariser Anwälte liest sich das so: "Indem sich die Bibliothèque Nationale auf eine Handschenkung durch Frau Bataille beruft, obwohl sie genau wußte, daß diese nicht Eigentümerin der Manuskripte sein konnte - diese wurden Georges Bataille ja lediglich vorübergehend zur Verwahrung ausgehändigt -, liefert die Bibliothèque Nationale den Beweis, daß sie bösgläubig ist." Die Klage lautete auf sofortige Herausgabe des Materials, auf 50 000 Mark Schadensersatz plus 2000 Franc pro Tag einer Verzögerung der Herausgabe.

Die 50 000 Mark beziffern einen nicht wirklich bezifferbaren Wert denn es geht weniger um den der Autographen - Herr Reemtsma wollte die ja nicht zur Auktion geben -, als vielmehr um den Inhalt. Beide Wissenschaftler, Pierre Bonnasse wie Rolf Tiedemann, geben an, daß es sich bei den Manuskripten um wichtige Ergänzungen zum "Baudelaire"-Buch handelt, ohne die eine seriöse und komplette Edition nicht zu veranstalten ist. Wer die Collagentechnik und Zitatmanie von Walter Benjamins Arbeit kennt, wird darin keine Übertreibung sehen. Selbst wenn es sich nicht um komplette, umfangreich-zusammenhängende Werkkomplexe handelt - für eine wissenschaftlich-kritische Gesamtausgabe ist jedes Partikel wichtig, sei es bei Musil oder bei den jetzt aufgeschlüsselten Tucholsky-Anteilen an der unsignierten Rubrik "Antworten" in der Weltbühne.

Ob es sich also "nur" um ein Handexemplar der "Berliner Kindheit um neunzehnhundert" mit handschriftlichen Einfügungen handelt oder um sechs - handschriftliche - übersetzte Baudelaire-Gedichte um Bemerkungen zu Bertolt Brecht und Siegfried Kracauer um Briefe von Adorno oder an Leo Löwenthal: Es war unrecht, dieses Material als "Beutekunst" zu behandeln. Vor kurzem wurde ein Vergleich geschlossen Reemtsma - nobel wie stets - verzichtete auf jeglichen Schadens- und Kostenersatz, die Bibliothèque Nationale auf Walter Benjamins "zweiten Pariser Nachlaß". Der wird nun in die Bestände des Adorno-Instituts integriert nicht zuletzt als Grundlage für eine kritische Ausgabe des "Baudelaire"-Buches.