Er zerbrach am Granit. Der Stein ließ den Hoteldirektor nicht ruhen. In keinem Zimmer des Hotels "Schloß Rosenau", das im niederösterreichischen Waldviertel, acht Kilometer südwestlich der kleinen Bezirkshauptstadt Zwettl, auf Granit gebaut wurde, fand er Schlaf. Aus dem Urfels, so mußte es ihm vorkommen, drangen unhörbare Botschaften, flossen unsichtbare Magnetfelder, schossen Strahlen wie schmerzhafte, energiegeladene Pfeile: Im Fels redete die erdgeschichtliche Vergangenheit des Waldviertels, das einmal Silva Nortica, der Nordwald, genannt wurde.

Vorher, lange vorher aber ragten Gebirge auf, die so hoch wie die Alpen und höher waren. Die Zeit, Hunderte von Millionen Jahren, ebnete das Gebirge ein.

Dann fluteten Urmeere über das öde Land. Neue Gebirge erhoben sich daraus, verfielen erneut, zerkrümelt von der Sonne, dem Wind und dem Regen.

Der Sockel aus Granit, das Urgestein, aber blieb. In ihm sind nun die Erinnerungen an das Werden dieser Waldviertler Erde gespeichert. Sie allein war es, die den Hoteldirektor verzweifeln ließ. Entnervt verließ er das Schloß. So erzählt es seine Nachfolgerin Gerda Pfauser, die auch sagt: "Das Hotel spuckt jeden Gast aus, den es nicht akzeptiert." Etliche Besucher, die ein paar Tage gebucht hatten, seien bereits nach einer Nacht wieder abgereist, weil der Schlaf nicht kommen wollte und eine seltsame Unruhe sie befallen hatte.

Gott selbst ist Zeuge, daß seine Energien vorhanden sind, denn der Altar der Schloßkirche von Rosenau wurde nicht wie üblich an der Ostseite, sondern an der Westseite der Kirche errichtet, dort, wo die (meßbaren) Energiefelder am stärksten kreisen. Später wird der Prälat des Stiftes Geras, Joachim Angerer, sagen, daß auch "seine Kirche ausgependelt ist". Das bedeutet: Wo Altar und Kanzel stehen, treten die Energiequellen unter den barocken Kirchenhimmeln am stärksten auf. Wie und was wußten die Alten von diesen Energien? "Das ist", so meint der Prälat, "ein Rätsel."

Davon gibt es im "mystischen Waldviertel" mehr als genug. Zwischen der tschechischen Grenze im Norden und der Donau im Süden finden sich in lichten Hochwäldern und im brombeerverhangenen Unterholz prähistorische Kult- und Grabstätten zuhauf. Von geheimnisvollen Opfersteinen und Druidentreffpunkten erzählen die Legenden und von versteckten Kraft- und Energieplätzen, verfluchten und verwunschenen Orten, wo aber auch Wunder geschehen sein sollen. Tonnenschwere Granitriesen, Felsmauern und Felsburgen, die wie verloren in der weit schwingenden Hügellandschaft des Waldviertels ruhen, sind des Teufels oder Treffpunkte von tanzenden Feen und Elfen in mondhellen Nächten.

Die runden oder ovalen Aushöhlungen in vielen der Granitfelsen nennen die Leute bis heute "Blutschalen". Floß hier wirklich Blut den Felsen hinab, dann ist die Spur bis heute zu sehen: ein dunkler Streifen im helleren Stein, von keinem Moospolster und von keiner Flechte überdeckt, die sonst den Granit überall überwuchern. In diesen Schalen starben unter den Steinmessern der Priester Opfertiere und, so raunt es im Volksmund, wohl auch Menschen.