Folge 83 Heute ist der Holländer zweifellos ein verträglicher, ja sympathischer Zeitgenosse. Das war nicht immer so. Noch vor dreihundert Jahren zitterte die Welt vor ihm. Skrupellos soll er andere Länder ausgebeutet, Völker vernichtet und Rheinländer wie Hessen auf seinen Schiffen versklavt haben. "Die Geschichte der holländischen Kolonialwirtschaft ... entrollt ein unübertreffbares Gemälde von Verrat, Bestechung, Meuchelmord und Niedertracht", schreibt Karl Marx. Das sei keineswegs kommunistische Greuelpropaganda, bestätigen holländische Historiker heute.

Zu den liebsten Tätigkeiten des Holländers im 17. Jahrhundert gehörte die Spekulation mit Aktien der VOC, wie man die Verenigde Oostindische Compagnie nannte. Die VOC beherrschte weite Teile Asiens, Afrikas und Amerikas. Sie unterhielt ein eigenes Heer, führte Kriege und durfte Geld herstellen.

Trotzdem mußten sich die Aktionäre mit einer recht bescheidenen Dividende begnügen, die zudem oft in Form von Muskatnüssen ausgezahlt wurde.

Auch heute noch ist es eine weitverbreitete Sitte, Aktienbesitzer mit Peanuts abzuspeisen. Wer etwa Aktien der deutschen Vorzeigefirma SAP erwirbt, erhält eine Dividende, die unter einem Prozent des Aktienkurses liegt. Und selbst die Volks(wagen)aktie kommt nur knapp über ein Prozent. Würde der Fiskus die Kleinaktionäre nicht mit einer Steuergutschrift sponsern, könnten mit den meisten Dividenden nicht einmal die Gebühren gedeckt werden, die beim Aktienkauf anfallen.

Die Dividende ist der Teil des Unternehmensgewinns, der für die Aktienbesitzer bestimmt ist. Einmal jährlich wird sie den Aktionären gutgeschrieben. Sie ist sozusagen die Verzinsung der Aktie. Da ihre Höhe schwankt und auch der Aktienkurs sich laufend ändert, müßte die Dividende eigentlich deutlich höher sein als die Verzinsung weniger riskanter Geldanlagen. Seltsamerweise ist das Gegenteil der Fall: Gemessen an ihrer Dividende kann man die meisten Aktien vergessen. Die wenigen Aktien, die sechs Prozent oder mehr abwerfen, muß man mit der Lupe suchen.

Besonders merkwürdig ist es, daß sich der Kauf einer Aktie dividendenmäßig um so weniger lohnt, je mehr Gewinn ein Unternehmen macht. Die Aktien sind dann nämlich viel zu teuer. Aber die meisten Anleger schert das offenbar nicht.

Schon die alten Holländer haben VOC-Aktien nicht wegen der Muskatnüsse gekauft, sondern weil sie von mächtigen Kursgewinnen träumten. Und so lange die Aktionäre träumen, können die Unternehmen sie auch mit Peanuts bedienen.