GEVELSBERG. - Die Lebendigkeit der Konfessionen drückt sich auch darin aus, wie sie mit ihren Traditionen umgehen und ob ihre Symbolsprache, ihre Zeichen und Feste noch von den Normalbürgern verstanden werden. Die Streichung des Buß- und Bettages als staatlicher Feiertag 1995 durch die Politik konnte nur deshalb so leicht gelingen, weil er zu einem leeren Zeichen, zu einem lediglich arbeitsfreien Tag ohne verständlichen religiösen Inhalt geworden war. Genauso bezeichnend ist es allerdings auch, daß die bürgerliche Konsumgesellschaft die religiösen Feier- und Gedenktage zur Verfügungsmasse wirtschaftlicher Planung erklärt hat und sich nimmt, was sie ökonomisch braucht.

Wenn jetzt die Nordelbische Kirche den verlorengegangenen Feiertag zurückgewinnen will, so ist das zwar verständlich, aber dieser Vorschlag geht nicht weit genug und ist vermutlich - ohne eine inhaltliche Neubestimmung - auch nicht mehrheitsfähig. Schließlich ist auch dem "Normalgläubigen" das "Hemd der Pflegeversicherung" näher als der "Rock eines kirchlichen Feiertages".

Religiöse Feiertage bedürfen der inneren Akzeptanz der Gläubigen. So verstehen den Symbolgehalt von Weihnachten auch Menschen ohne besondere religiöse Unterweisung oder Tradition: da ein neugeborenes, wehrloses Kind die Hoffnung auf Frieden wachhält und Ausdruck der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies der Kindheit darstellt. Mit der religiösen Bedeutung des Buß- und Bettages verhält es sich jedoch etwas schwieriger.

Schon der Name dieses Tages verdeckt eher den Inhalt, als daß er hilfreich wäre. "Buße" kennt man heute höchstens in der Form von "Bußgeld", und das löst negative Gefühle aus. Biblisch gesehen geht es aber um eine Veränderung des Denkens und Handelns, um eine mögliche Kurskorrektur des bisherigen Lebensweges, um eine bessere (Selbst-)Wahrnehmung und um ein tieferes Verstehen seines eigenen Lebens. Das Bedürfnis nach innerem Wachstum (= Reifung) und geistiger Veränderung wohnt jedem Menschen inne es gehört zur Weisheit aller Kulturen und Religionen. Nichts ist ungnädiger, als so bleiben zu müssen, wie man ist. Nichts hält lebendiger und macht jünger, als den (beschwerlichen) Weg der inneren Verwandlung zu gehen.

Natürlich hat sich der Götze "Marktwirtschaft" dieses Grundbedürfnis der Menschen zunutze gemacht und bietet billige Surrogate an. Das Ergebnis ist bekannt: eine gelangweilte Erlebnisgesellschaft und eine Spaßgesellschaft ohne eigentliche Freude. Hier könnten die Kirchen ein Zeichen setzen und der Gesellschaft einen prophetischen Dienst erweisen: Wenn beide Kirchen gemeinsam den "alten" Buß- und Bettag neu begründen, neu benennen und neu gestalten würden als "Tag der Stille". Ein so verstandener "Feier"-Tag wäre ein Zeichen des Protestes gegen die Dauerbelästigungen eines profitgierigen Marktes und eröffnete neue Wege zur Wiedergewinnung einer "Kultur der Stille". Wie viele Menschen in unserer Gesellschaft, vor allem solche, die mit der Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu tun haben, warten auf (symbolische) Handlungsmöglichkeiten, um dem grenzenlos gewordenen Markt endlich wieder vernünftige Grenzen setzen zu können?

Wie könnte der praktisch-politische Weg zur Wiedergewinnung eines neuen Buß- und Bettages aussehen?

Die konfessionelle Arithmetik der kirchlichen Feiertage hat sich durch den Wegfall des evangelischen Buß- und Bettages noch weiter zuungunsten der evangelischen Kirche verschoben. Deshalb wäre es angemessen, wenn die "feiertagsreiche" katholische Kirche einen ihrer Feiertage abgäbe.