Mehr als drei Jahre lagen sie im Streit, und der wurde nach allen Regeln der Kunst geführt. Trotzdem: Der jetzt besiegelte Frieden kam nicht mehr überraschend. Der Medienkonzern Bertelsmann und der TV-Unternehmer Leo Kirch hatten sich in ihrem großen Ziel, hierzulande das digitale Fernsehen einzuführen, nämlich nur gegenseitig blockiert. Bei dem Versuch, im Alleingang den Zukunftsmarkt zu erobern, hatte sich der Münchner Filmhändler sogar an den Rand des Ruins manövriert.

Nun wollen die beiden als Partner beim Pay-TV-Sender Premiere den digitalen Fernsehmarkt erschließen. Eine "reine Vernunftehe", die vor allem den Interessen der Zuschauer dienen soll, wie die frisch Verbündeten beschwören.

Das allerdings ist noch die Frage.

Wegen solcher Zweifel darf die Ehe zunächst auch noch gar nicht vollzogen werden - die wettbewerbliche Prüfung steht noch aus. Nach ersten Meinungsäußerungen aus der Europäischen Kommission, bei der die Allianz am Dienstag dieser Woche angemeldet wurde, scheint der Pakt noch keineswegs gesichert. Auch die von den Bundesländern gegründete Konzentrationskommission KEK dürfte die Digital-Ehe gründlich unter die Lupe nehmen - zu Recht.

Es gibt in der Tat viele Gründe, den Schulterschluß zwischen Bertelsmann und Kirch kritisch zu betrachten - obwohl das Argument der beiden Mediengiganten nicht leicht von der Hand zu weisen ist, dieser neue Markt sei nur gemeinsam zu bearbeiten. Die Vorleistungen, die die Unternehmen auf sich nehmen müssen, sind zweifellos enorm. Die Decodergeräte mußten entwickelt und an den Markt gebracht, die Rechte an Spielfilmen, Musikveranstaltungen und Sportereignissen erworben werden. Und nun sind gewaltige Summen erforderlich, um die neuen Programme am Markt durchzusetzen.

Doch genau diese Argumente liefern den Wettbewerbsexperten auch die Angriffspunkte. Es ist mehr als nur ein Schönheitsfehler, daß der neue Markt von einem Monopol beherrscht wird. Mit Kirch und Bertelsmann haben sich zwei Unternehmen verbündet, die ohnehin schon eine Spitzenstellung am heimischen Fernsehmarkt einnehmen: Bertelsmann beherrscht den größten Privatsender RTL und ist an RTL 2, Super RTL und Vox beteiligt, Kirch hat bei Sat.1 und dem Spartensender DSF das Sagen. Die Premiere-Partner verfügen damit über eine einzigartige Kette von Verwertungsmöglichkeiten für TV-Programme - ein schwergewichtiges Argument bei künftigen Rechteverhandlungen. Außerdem ist der Münchner Filmhändler wichtigster Film- und Serienlieferant für nahezu alle TV-Firmen des Landes - von den Sendern seines Sohnes Thomas, ProSieben und Kabel 1, bis zu den öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD und ZDF.

Schließlich hat er sich speziell fürs digitale Fernsehen Filmpakete bei den großen Hollywood-Studios gesichert und - nicht zuletzt die Rechte für die Fußballweltmeisterschaften 2002 und 2006. Denn ein digitales Pay-TV-Angebot, soll es am Markt Erfolg haben, muß sich gegenüber dem Free-TV durch Spitzenqualität auszeichnen, was vor allem bedeutet: exklusive Ausstrahlung von Topfilmen und Topsport. Mit Dokumentations- und Hobbykanälen allein werden sich kaum größere Abonnentenscharen anlocken lassen.