Es gibt nicht viele Gebäude, über die sich so viele Leute so ausdauernd die Zunge zerrissen haben wo so leidenschaftlich, verbissen, so hoffnungsfroh und so verzweifelt gestritten worden ist wie über den Plan, das im Kriege halb zerstörte, jahrelang verwitterte, mühselig behütete Neue Museum des Architekten Friedrich August Stüler (1800 bis 1865) teils zu restaurieren, teils mit neuer Architektur zu komplettieren und zu erweitern, zugleich aus dem ganzen Konglomerat aller anderen Häuser der Berl iner Museumsinsel einen modernen, touristisch flott funktionierenden Organismus zu zaubern. 1993 war dafür ein internationaler Wettbewerb ausgeschrieben worden, sechzehn Architekten hatten sich ihm ausgesetzt. Nach den jahrelangen Querelen hat sich nun am Montag abend eine Kommission dazu durchgerungen, dem Rat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu empfehlen, fortan die Dienste des noch wenig bekannten, wenngleich längst hoch geachteten britischen Architekten David Chipperfield in Anspruch zu nehmen - und nicht diejenigen des weltberühmten, sehr populären kalifornischen Überraschungsbaumeisters Frank O. Gehry.

Bittere Melancholie bei den Museumsleuten, die für Gehrys selbstherrliche plastische Erfindungen von Anfang an ein seltsames Faible entwickelt haben, große Erleichterung bei allen anderen, vor allem bei den Denkmalpflegern, denen die Einzigartigkeit des Stülerschen Museumsgebäudes am Herzen liegt, also Chipperfields moderate Art, ihn nach Kräften kongenial zu ergänzen. Wenn der Rat der Stiftung sich Anfang Dezember mit dieser Empfehlung anfreundet, wird damit ein ziemlich elender Streit beendet sein.

Die Berliner Museumsinsel bildet den nördlichen Teil der von beiden Spreearmen umflossenen historischen Mitte Berlins. In Wahrheit beginnt sie auf demjenigen Teil, der Spreeinsel genannt wird, am nördlichen Rand des Lustgartens mit Karl Friedrich Schinkels Altem Museum, einem mit seiner Säulenfront und der dramatischen (absurderweise verglasten) Eingangs-Loggia schnell beliebt gewesenen Bau. Er hatte 1828 den Anfang gemacht - dann wuchsen dahinter, einer Idee des kunstsinnigen Friedrich Wilhelm IV. folgend, nacheinander Stülers Neues Museum (1855), seine Nationalgalerie (1876), auf dem nördlichen Inselzipfel das pompöse Bodemuseum (1904, von Ernst von Ihne), 1930 schließlich zwischen Neuem und Bodemuseum das Pergamonmuseum von Alfred Messel. Nein, kein "gewachsener" Komplex, sondern ein mittlerweile von der Historie geadeltes Konglomerat. Der temperamentvolle Werner Hegemann hatte in seinem Buch über "Das steinerne Berlin" 1930 vom "Durcheinander von beziehungslos zusammengewürfelten oder schematisch aufgereihten öffentlichen Bauten der Museumsinsel" geschrieben.

Schon richtig - nur daß sich im Laufe der Zeit eine Symbiose zwischen den Gebäuden und ihrem einzigartigen, ihrem bewunderten, in aller Welt gerühmten Inhalt bildete, die die Schönheit der Kunstschätze auf die Gebäude übertrug und ihnen den Anschein heiliger Hallen gab. Wehe also dem, der daran zu rühren versuchte, hier, wo die Berliner Mitte - verglichen mit ihren verwilderten oder verwüsteten Partien - in Ordnung zu sein scheint. Die Museumsinsel - der Berliner Parthenon! Und ein immer wieder erträumter Louvre.

In den siebziger Jahren unternahm es die DDR endlich, den unterdessen hochgerühmten Bau des Neuen Museums zu sichern, an die zweitausend Bauteile zu bergen und für den erhofften, archäologisch korrekten Wiederaufbau zu bewahren. Im Dezemberheft 1989 der DDR-Zeitschrift Bildende Kunst begann eine Handvoll Kenner einen leidenschaftlichen, bis heute aktuellen Streit über die Frage: wie original, wie neu, wie kontrastierend "modern" ein historisches Gebäude von so außergewöhnlichem historischen Wert wieder aufgebaut, womöglich rekonstruiert und mit neuen Gebäuden erweitert werden dürfe.

Während im Westen des geteilten Landes der Rauch solcher Debatten nur noch in den Akten zu riechen war, ging es in Ost-Berlin damals mit den Zweifeln erst richtig los.

Bis dahin hatten selbst die Denkmalschützer ihr gutmütiges Ja und Amen zu den abenteuerlichsten, die Originale verfälschenden Repliken und Veränderungen gegeben - nun waren sie skeptischer. Die Devise lautete von da an: erhaltene Partien penibel zu restaurieren, dabei die geretteten Versatzstücke zu verwenden, teilweise zerstörte Räume in ihrer architektonisch-konstruktiven, hier auch enorm rhythmischen Gliederung zu bewahren, verlorene Bereiche "in einer modernen, aber der historischen Architekturqualität adäquaten Form" neu zu errichten und einzufügen.