Bei der Übergabe Hongkongs an die neue Weltmacht China am 1. Juli 1997 erinnerte man sich hierzulande, daß es in China einmal ein Gebilde gegeben hat, welches schon von den Zeitgenossen das "deutsche Hongkong" genannt wurde: das sogenannte Pachtgebiet Kiautschou. Der entsprechende "Pachtvertrag" sollte ebenfalls im Jahre 1997 auslaufen. Hätte es die beiden Weltkriege nicht gegeben, dann wäre Kiautschou womöglich erst in diesem Jahre wieder chinesischer Souveränität unterstellt worden.

Napoleon hat einmal gesagt, China sei ein schlafender Gigant, der eines Tages aufwachen und dann die ganz Welt erschüttern werde. In der hohen Zeit des Imperialismus um die Jahrhundertwende hat ein Satz des britischen Ökonomen Hobson viele Wirtschaftsführer, Politiker und Militärs geradezu elektrisiert: China sei das "größte Profitreservoir, das die Welt je gekannt hat". Ein Satz, der sich heutzutage, angesichts des gewaltigen Wirtschaftswachstums in der Volksrepublik China, zu erfüllen scheint.

Seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts mehrten sich die Anzeichen dafür, daß sich auch das kaiserliche Deutschland einen Anteil an dem fernöstlichen "Profitreservoir" sichern wollte. So bildeten im Jahre 1885 die Deutsche Bank, die Disconto-Gesellschaft, die Berliner Handels-Gesellschaft, die Firma Krupp, die Maschinenbau AG Nürnberg und weitere Interessenten das Konsortium für asiatische Geschäfte. Dieses Konsortium wiederum gründete sieben Jahre später die Deutsch-Asiatische Bank.

Im Jahre 1887 entstand an der Berliner Universität das Seminar für Orientalische Sprachen, an dem auch Chinesisch gelehrt wurde. Der erste Direktor des Seminars, der namhafte Orientalist Eduard Sachau, hat sehr deutlich gesagt, worum es ihm und seinen Mitarbeitern ging: um die "Vorbereitung deutscher Männer für den Kampf ums Dasein unter fremdartigen Menschen und Einrichtungen".

In den 1890er Jahren wurde dann die Reichsregierung einerseits von Finanz-, Industrie- und Handelskreisen, anderseits von der Marineführung gedrängt, an der chinesischen Küste einen Stützpunkt zu errichten. Die Wirtschaftskreise erhofften sich eine Ausgangsbasis, von der aus sie den einträglichen Export nach China weiter ankurbeln, sich Zugang zu den reichen Bodenschätzen dieses Landes verschaffen sowie die eigene Handelsflotte versorgen konnten. Die Marineführung wollte einen Flottenstützpunkt für den pazifischen Raum.

Hohe deutsche Diplomaten und Militärs diskutierten 1895/96 voller Eifer darüber, an welchem Punkt der chinesischen Küste der geplante Stützpunkt errichtet werden sollte man wog mehrere Varianten gegeneinander ab. Ende 1896 entschied sich Kaiser Wilhelm II. für das am Gelben Meer gelegene Gebiet von Kiautschou.

In einer Denkschrift des Auswärtigen Amtes vom 28. November 1896 hieß es, auf Vorwände für die Besetzung einer Position an der chinesischen Küste werde man "aller Voraussicht nach nicht allzu lange zu warten haben. Auch in den letzten beiden Jahren hätten sich mehrfach, zum Beispiel in den Verhältnissen unserer Missionare oder der deutschen Instrukteure, Anlässe zum Vorgehen gefunden."