Richtig vorbei ist es eigentlich bis heute nicht. Immer noch leidet Gerhard Diekmann unter dem größten Fehlschlag seines Lebens. Mitte der achtziger Jahre hatte er sich selbständig gemacht und eine Firma gegründet: ein kleines Institut für Erwachsenenbildung. Eigentlich hatte er sich alles ganz einfach vorgestellt. Schließlich war er gewissermaßen vom Fach: Er ist studierter Volkswirt, unmittelbar vor seinem Ausflug in die Selbständigkeit hatte er als stellvertretender Schulleiter einer Bildungseinrichtung gearbeitet. Und es war gar nicht der Traum vom großen Geld, der ihn antrieb. Nur seinen bescheidenen Lebensunterhalt habe er verdienen wollen, sagt Diekmann: "Ich wollte einfach 3000 Mark im Monat haben, mehr nicht - doch so simpel läuft das eben nicht."

Der Absturz ließ nicht lange auf sich warten, nach zwei Jahren war sein Unternehmen pleite und Diekmann am Ende. Die Schulden von 140 000 Mark mußte er bis vor kurzem abzahlen. Das Risiko der Selbständigkeit hatte er einfach unterschätzt. "Ich war blauäugig damals", sagt er. Von seiner Pleite konnte sich Diekmann bis heute nicht erholen: Seit zehn Jahren lebt der jetzt 56jährige zurückgezogen als Frührentner in einer norddeutschen Kleinstadt. Er hat keine Aufgabe, trinkt reichlich, und damit er überhaupt etwas zu tun hat, bastelt er am Haus herum. "Dieser Fehlschlag", sagt Diekmann, "hat mich in die Knie gezwungen."

Diekmanns Schicksal ist typisch. Unternehmensgründungen mögen derzeit als Wunderwaffe gegen die Arbeitslosgkeit gelten, ob Bundeskanzler Helmut Kohl, SPD-Mann Gerhard Schröder oder Industrie-Präsident Hans-Olaf Henkel - sie alle propagieren die Gründung neuer Firmen als Ausweis wirtschaftlicher Dynamik. Doch es gibt auch eine düstere Seite: Das Wagnis für die Existenzgründer ist immens, rund die Hälfte der neugegründeten Unternehmen geht innerhalb der ersten fünf Jahre wieder ein.

Ökonomen mögen darin einen volkswirtschaftlich hochproduktiven Prozeß der permanenten "schöpferischen Zerstörung" sehen - für manchen gescheiterten Gründer ist die Pleite eine Tragödie. Viele seien "ganz arme Hunde, die weder ein noch aus wissen", sagt Ottmar Bergmann, der beim Berliner Verein Julateg eine Schuldenberatung eigens für gescheiterte Existenzgründer anbietet.

"Hoffnungslos überschuldet", ohne Kranken- oder Rentenversicherung, sind seine Klienten zu Sozialhilfeempfängern geworden, nun suchen sie seinen Rat.

Um harte Worte ist er nicht verlegen. Die Existenzgründer-Kampagne der Bundesregierung hält er für "verbrecherisch", da würden "die Leute vorsätzlich in den Ruin getrieben", schimpft Bergmann. "Wir haben dann die weinenden Eltern hier, denen das Eigenheim unterm Hintern weggepfändet wird."

Als sie für Sohn oder Tochter bürgten, hätten sie sich einfach nicht vorstellen können, daß das Projekt auch schiefgehen kann. Viele Existenzgründer und ihre bürgenden Angehörigen vertrauten nahezu blind der Geschäftsidee, vor allem aber der eigenen Tüchtigkeit. Doch von früh bis spät zu ackern genüge nun mal nicht. "Die meisten sind sehr fleißige Leute", so Bergmanns Erfahrung, "aber sie hätten nie Unternehmer werden dürfen."