Fünfzehn Männer haben lange miteinander gerungen. Diese Woche verkündeten sie ihr Urteil: Die Quote ist Rechtens.

Die Richter am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg hatten darüber zu entscheiden, ob ein Gesetz aus Nordrhein-Westfalen gegen eine europäische Richtlinie zur Gleichbehandlung von Frauen und Männern verstößt. Der Fall: Ein Lehrer und eine Lehrerin hatten sich um denselben Posten beworben. Sie waren gleich qualifiziert die Frau bekam den Zuschlag, weil ihr Geschlecht auf dem höheren Rang der Hierarchie unterrepräsentiert ist und der Mann eine im Gesetz vorgesehene "Öffnungsklausel" nicht zu seinen Gunsten geltend machen konnte. Er klagte, und ein hiesiges Verwaltungsgericht legte Luxemburg den Fall vor.

Das europäische Urteil ist ein schöner Sieg in diesen grauen Zeiten wachsender Ungleichheit. Und er ist bemerkenswert, weil Luxemburg noch vor zwei Jahren das Bremer Quotengesetz, das allerdings keine "Öffnungsklausel" hatte, gekippt hat. Vielleicht sind es die neuen EU-Mitglieder im hohen Gericht, Schweden, Österreich und Finnland vielleicht ist es der neue EU-Vertrag von Amsterdam: Jedenfalls ist nun bei gleicher Qualifikation das weibliche Geschlecht ein zusätzliches Beförderungskriterium - um nämlich jene gesellschaftliche Ungleichheit zu neutralisieren, die immer noch zwischen Männern und Frauen herrscht. Die Richter sehen der Wirklichkeit diesmal ins Auge: "Selbst bei gleicher Qualifikation besteht die Tendenz, männliche Bewerber ... vorrangig zu befördern dies hängt vor allem mit einer Reihe von Vorurteilen und stereotypen Vorstellungen ... zusammen". Daraus folgern die Richter: Allein die Tatsache, daß zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts gleich qualifiziert sind, heißt noch nicht, daß sie auch gleiche Chancen hätten.

Das ist der Kernsatz des Urteils. Er besagt nicht weniger als: Chancengleichheit bedeutet mehr als gleiche Chancen. Welch verdienstvolle Klärung eines Begriffs, der nicht nur mit Blick auf die Frauen unter die Räder zu kommen droht, gerade heute, wo der Zeitgeist Auslese, scharfe Konkurrenz und Elite fordert.

Zu fragen ist allerdings: Haben Quoten und Frauenförderung, die nur in der Politik und im öffentlichen Dienst praktiziert werden, der Gerechtigkeit aufgeholfen? Ein bißchen schon. In den Bundestagsfraktionen der Grünen und der SPD sitzen 57 beziehungsweise 34 Prozent Frauen. Daran gemessen sind sie aber viel zu selten in Spitzenpositionen, von einer Meinungsmitführerschaft ganz zu schweigen. Und höchst selten finden Politikerinnen aller Fraktionen über Parteigrenzen hinweg zu einer starken Truppe zusammen - wie etwa bei der Reform des Paragraphen 218 oder der Strafbarkeit von ehelicher Vergewaltigung. Im übrigen ist die Beschäftigung mit Frauenpolitik durchaus karrierehinderlich. Obendrein ist sie zäh und grau und langweilig geworden - kommt nicht los vom traditionellen feministischen Blick auf die Frauen als ewige Opfer der Männer. Wer will das schon? Und Claudia Nolte, vom Kanzler handverlesen, als ministerielle Hüterin der Fraueninteressen: Wer sollte daran Spaß haben?

Nur langsam verändert sich das Bild im öffentlichen Dienst. Je einflußreicher die Posten, je höher dotiert und je prestigeträchtiger, desto weniger Frauen: Dieses eiserne Gesetz bleibt wirkungsmächtig. Ein, zwei oder vier Prozentchen mehr, hier und da greift mal die Quote - schon schreien Männer Diskriminierung! und ziehen vors Gericht.

Und dennoch: Die Quote hat Wichtiges vollbracht. Frauen bewerben sich häufiger und mit mehr Selbstbewußtsein, und gutes Personalmanagement heißt heute eben auch, Frauen zu integrieren. Vor allem aber: Was Qualifikation ist, wird anders definiert. Der "leistungsstarke" Mann alten Stils, sich selbst entlastend von jeglicher Haus- und Betreuungsarbeit (ein echter Standortvorteil!), ist als Führungstyp kein Selbstläufer mehr eher weibliche Qualitäten, wie Teamgeist, kooperativer Stil, auch Bereitschaft zur Selbstkritik, werden gesucht. Und daß die Frage nach der Qualifikation erst jetzt wirklich ernsthaft gestellt wird, zeigt die Tatsache, daß Beförderungslisten nach Dienstalter obsolet geworden sind.