Das Unheil kam mit Lichtgeschwindigkeit aus den Tiefen des Alls. Ein gewaltiger Schauer unerhört energiereicher Gammastrahlung traf die Erde, zerfetzte die Ozonschicht und setzte Tier- und Pflanzenwelt schutzlos der schädlichen UV-Strahlung der Sonne aus. Die Katastrophe rottete nahezu 95 Prozent aller Arten aus.

So turbulent ging es vor 439 Millionen Jahren auf Erden zu, glaubt Stephen Thorsett. Damals, so die Theorie des Astrophysikers aus Princeton, kam es in unserer kosmischen Nachbarschaft, nur einige tausend Lichtjahre von der Erde entfernt, zu einem jener geheimnisvollen Ausbrüche von Gammastrahlung, über deren Ursprung die Wissenschaft nach wie vor rätselt. Vier- oder fünfmal in einer Milliarde Jahren, so Thorsett, müsse mit einer derartigen Katastrophe gerechnet werden - eine Schätzung, die sich mit der aus Fossilienfunden abgeleiteten Häufigkeit von Episoden massiven Artensterbens deckt. Die Theorie Thorsetts ist gewagt. Doch neue Messungen scheinen sie eher zu stützen. Sie zeigen, daß solch plötzliche gamma ray bursts praktisch überall auftreten können und tatsächlich gewaltige Energien entfesseln. "Die größte Unsicherheit in meiner Arbeit ist damit beseitigt", freut sich Thorsett.

Für Aufregung sorgen die Gammastrahlen-Ausbrüche schon seit ihrer Entdeckung.

Ende der sechziger Jahre, als die amerikanische Luftwaffe das Weltall mit Satelliten nach verräterischen Strahlenspuren sowjetischer Atomversuche absuchte, stießen die Militärdetektoren immer wieder auf merkwürdige Schauer von Gammastrahlung: Sie kamen urplötzlich aus dem Nichts, dauerten Sekunden oder gar nur Bruchteile von Sekunden und stammten eindeutig nicht von Kernwaffen.

1973 erfuhr auch die astronomische Fachwelt von den seltsamen Strahlungsblitzen. Bald überschwemmte eine Flut von Theorien über deren Ursprung die Fachjournale. Neutronensterne, schwarze Löcher, "weiße Löcher", Antimaterie - kaum eine Spekulation blieb als Ursache der gamma ray bursts unerwähnt. War es ein "lokales" Phänomen unserer Milchstraße? Oder lagen die Gammaquellen Millionen Lichtjahre entfernt in anderen Galaxien? Bis Anfang der neunziger Jahre neigte die Mehrheit der Astronomen eher der Milchstraßen-Hypothese zu. Je näher uns nämlich die Quellen sind, desto weniger Energie müssen sie ausstrahlen, und desto einfacher läßt sich die Entstehung der Gammablitze erklären.

Mit dem Start des Compton Gamma Ray Observatory im April 1991 änderte sich das. Der Satellit ermöglichte erstmals eine fast lückenlose Überwachung des Himmels: Durchschnittlich einen Ausbruch pro Tag registriert er, bis heute rund 2000 Gammablitze. Überrascht beobachteten die Astronomen dabei, daß die bursts gleichmäßig über den ganzen Himmel verteilt sind.

Das war ein gewaltiger Schlag gegen die Hypothese von einem lokalen Phänomen.