Ich lächle ganz selten. Und das dürfte ziemlich außergewöhnlich klingen, weil das Lächeln bei einer Asiatin als selbstverständlich angesehen wird. Man erwartet von mir ein sanftes, süßes Lächeln. Aber ich kann Ihnen mein Wort geben. Ich lächle ganz selten. Ich lächle nur, wenn es für mich und meine Umgebung notwendig ist.

Der Grund dafür ist ziemlich einfach. Nicht, daß ich gegen das Klischee der mädchenhaften Asiatin ankämpfen oder sexueller Belästigung vorbeugen will, ich möchte einfach schön aussehen. Und ich finde das Lächeln völlig unpassend zu meinem Gesicht. Es paßt einfach nicht.

Es war vor fünfzehn Jahren, als ich vor einem Spiegel stand und mein Lächeln zum ersten Mal häßlich fand. Ich bin danach vorsichtiger geworden damit. Im Laufe der Zeit fand ich Freunde und - einen Ehemann. Mein Lächeln kümmerte mich nicht mehr.

Aber dann wurde ich wieder daran erinnert. Drei Jahre ist es her, finanziell war ich damals gerade in einer schwierigen Situation. Da hörte ich von einer Freundin, daß eine Agentur nach einer Japanerin suche, die in der Zeitung für die Japan-Feinkost-Woche eines großen Einkaufszentrums werben solle. 500 Mark für ein paar Stunden, ich war sofort am Apparat.

Ich stelle mich vor: "Hallo, ich bin eine Japanerin." Alles klar. Ich habe den Job. Am nächsten Tag komme ich zu dem schicken Photostudio an der Alster, wo die Aufnahmen stattfinden. Um zu zeigen, daß ich eine echte Japanerin bin, soll ich einen Kimono anziehen. Dann werde ich ordentlich geschminkt.

Eine junge deutsche Friseuse macht das. Im ersten Gang streicht sie mein Gesicht mit einer weißen, dicken Creme ein, genauso, wie sie ihre Wände malen würde. Es ist mir sofort klargeworden, daß sie aus mir ein Geisha-Girl machen will. Aber ich bin nicht dagegen. Ich habe nämlich irgendwann als kleines Mädchen geträumt, eine Geisha zu werden, und immer wollte ich einmal so aussehen.

Als nächstes entstehen Lid- und Wangenschatten, wie bei einer Inderin werden meine Augen mit schwarzen, dicken Linien umrandet. Dann bekomme ich zwei ganz gerade Augenbrauen, so wie eine Hongkong-Schauspielerin in alten Kung-Fu-Filmen am Ende werden meine Lippen so rosa gemalt wie bei dem thailändischen Mädchen in der Asien-Nudeln-Werbung. Nach dem Schminken kehrt die Friseuse sozusagen nach Westen zurück: frisiert meine Haare à la Madame Butterfly, mit mehreren chinesischen Stäbchen.