Legende – Seite 1

Ein Mädchen vom Lande, das mit achtzehn in die Stadt zieht, eine Stelle als Sekretärin annimmt, heiratet, Hausfrau wird und Mutter, ihrer Tochter Geschichten erzählt. Kein Grund für einen Geburtstagsgruß. Eine junge Frau, die über Knut Hamsuns "Hunger" und Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" lacht und weint, vor Kriegsausbruch damit beginnt, Tagebuch zu schreiben, am 28. März 1944 stolpert, sich den Fuß verletzt, Wochen im Bett liegt und eine ihrer Geschichten mit weichem Bleistift in Steno aufschreibt.

Ein Fall unter Tausenden, und Hunderte werden zu Büchern und manche gelesen.

Das Mädchen heißt Astrid Ericsson, die junge Frau heiratet einen Herrn Lindgren, ihre Tochter Karin nennt die Heldin der Geschichte Pippi Langstrumpf.

Eine Legende zu werden ist nicht erfreulich, und keiner beginnt zu schreiben, um später als "nationale Institution" zu gelten. Woran es liegt, daß sie zur erfolgreichsten und bekanntesten Autorin wurde, deren Bücher Kinder so gerne wie Erwachsene lesen? (In siebzig Sprachen übersetzt, allein in Deutschland in einer Gesamtauflage von zwanzig Millionen erschienen et cetera) Weil sie mit Pippi die bürgerliche, die erwachsene Welt auf den Kopf gestellt hat, die Macht der utopischen Phantasie ausgerufen, feministische Märchen schrieb?

Weil sie eine heile Welt der Kindheit verklärt und preist, den pazifistischen Geist verkündet? Von Tod und Schmerz so klar und ungeschützt erzählt wie von Holzzäunen und Blutklößeteig?

Astrid Lindgren hält wenig von Interpretationen und Journalisten, die ihre Bücher zu Essays verwursten: Michel als Antikapitalist, Pippi als dionysische Gestalt, Karlsson als Ikarus, Ronja als Jesus. Sie ist in der jungen Frau ebenso zu Hause wie in dem Kind, das in Näs bei Vimmerby in Småland spielte.

Gleichzeitig und ungetrennt. Sie schreibt keine "Eichhörnchengeschichten", sondern Märchen vom Leben, mit denen sie auch ihr "fünfjähriges Ich trösten (wollte), das bestimmt irgendwo unter den Jahresringen der Seele noch vorhanden ist". Neunzig werden es inzwischen sein, am 14. November.

Legende – Seite 2

"Wie kann es Menschen geben, die sich langweilen. Lieber Gott, wie soll die Zeit nur reichen, wie in Jesu Namen soll man es schaffen, alle Bücher zu lesen, alle Musik zu hören, alle Orte in der Welt zu sehen. Nein, das war eine Lüge, ich möchte nicht alle Orte sehen. Statt dessen möchte ich Zeit haben für die enormen Naturerlebnisse und Menschenerlebnisse und Kunsterlebnisse, die dieser kurze Lebensaugenblick bietet. Und dann muß man auch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen."

Dies sei ihr in aller Herzlichkeit gewünscht.