Wenn die ganze Aufregung um die Neuregelung eines klargemacht hat, dann dies: Eine Rechtschreibung, die allen recht wäre, wird es niemals geben. Wer auch immer welche Regelung auch immer näher betrachtet, stößt auf Vorschriften, die ihm widersinnig, ja unzumutbar vorkommen. Auch im Kreis der Experten ist man sich über die Neuregelung nicht in allen Punkten einig manche Orthographologen pöbeln sich inzwischen an wie Autofahrer beim Vorfahrtszoff. Denn sie ist eben kein im Licht irgendeiner reinen Lehre ersonnenes Diktat, sondern ein aus jahrelangem Feilschen hervorgegangener Kompromiß.

Auch ich persönlich halte Teile der Neuregelung für nicht geglückt, setze aber sogleich hinzu, daß ich sie als Ganzes dennoch bejahe:

weil sie das Kunststück geschafft hat, etliche Absurditäten der bisherigen Norm ohne einen gravierenden Traditionsbruch zu beseitigen

weil sie wahrscheinlich leichter zu erlernen ist - und eine elementare Kulturtechnik wie das richtige Schreiben nicht humanistisch gebildeten Abiturienten vorbehalten bleiben sollte

weil mit ihr die 1901 in Kraft gesetzten Regeln erstmals einer rationalen und transparenten Revision zugänglich geworden sind.

Wenn ich im Folgenden meine betont persönliche Meinung zu den strittigsten Punkten äußere, dann nicht, weil ich hundertzehnprozentig davon überzeugt wäre, daß ich bessere Lösungen hätte oder daß es überhaupt völlig befriedigende Lösungen geben kann. Darum werde ich auch kein Volksbegehren gegen die Neuregelung unterschreiben, falls ich meine Kritik bei der Fortentwicklung der Regeln nicht berücksichtigt und auch nicht überzeugend widerlegt finden sollte. Ich mache es mir einfacher: In den betreffenden Punkten schreibe ich künftig nach meiner eigenen Regel.

Stammprinzip: Ein und derselbe Wortstamm soll häufiger als bisher einheitlich geschrieben werden.