Hier in Englands Mitte, in Derbyshire, kann das Auge sich ausruhen im gleichförmigen Grün der Parklandschaft, die sich bis zum Horizont erstreckt.

Lediglich ein kleiner gelber Fleck irritiert, der drüben am Hügel alle paar Minuten auftaucht, sich nach links bewegt, eine Weile anhält, dann wieder nach rechts zurückgleitet und hinter einer Biegung verschwindet.

Die Neugier ist geweckt, das Rätsel muß gelöst werden. Der Blick durchs Fernglas läßt an eine Fata Morgana glauben: Mitten in dieser ländlichen Einsamkeit rumpelt eine uralte Straßenbahn entlang, sogar Menschen lassen sich darin ausmachen.

Zehn Autominuten später entpuppt sich das seltsame Objekt als Teil des National Tramway Museum. In einem ehemaligen Steinbruch am Dorfrand von Crich haben Straßenbahnliebhaber ein kleines Stück merry old England auferstehen lassen. Im Lauf der Jahre haben diese Enthusiasten über vierzig ausrangierte Straßenbahnen vor dem Schneidbrenner bewahrt und liebevoll restauriert. Sie alle sind sorgfältig in ihren Originalzustand zurückversetzt worden und haben hier eine neue alte Heimat gefunden. Denn selbst das Drumherum ist stilecht vergangenen Zeiten angepaßt: Mitten in der ländlichen Umgebung wurden kopfsteingepflasterte Straßen gebaut, hinzu kamen Gaslaternen, Haltestellen mit Wartehäuschen aus Gußeisen, Polizeimelder aus der Epoche von Jack the Ripper. Sogar Reklameschilder sind liebevoll nachempfunden: Seife, Zigaretten, Kolonialwaren aller Art werden angepriesen, in Schaufenstern liegen verstaubte Kameras und Filme aus.

In dem großen wiedererbauten viktorianischen Straßenbahndepot stehen Trams aus allen großen Städten des Königreiches nebeneinander. Fahrtüchtig sind sie alle. Davon kann man sich schnell überzeugen: Alle fünf Minuten nämlich verläßt eine Bahn die nachgebaute Endstation.

Nachdem auch der Schaffner vom gußeisernen Bahnhofsklo zurückgekommen ist, kann's losgehen. Kinder mit hochrotem Kopf winken den zurückbleibenden Eltern noch einmal zu, dann geht's unter einem eindrucksvollen Brückenbogen hindurch hinaus aufs Land. Auf halber Strecke ist die Haltestation Bleimine. Wer will, kann hier aussteigen, um Bergwerksutensilien anzusehen, doch keiner der Mitfahrer möchte das nostalgische Gefährt verlassen.

Auf freier Strecke ist dann plötzlich Endstation. Vorerst muß hier die Fahrtroute enden, denn der Steinbruch, in dem das Gelände liegt, ist noch in Betrieb. Der Schaffner steigt aus und legt die Weiche um. Schwitzend und leicht außer Atem, klärt er uns auf: Wir fahren in einer Bahn aus Newcastle.