Frank Hellberg ist heute spät dran. Um zwanzig nach fünf passiert er das Tor des Flughafengeländes Berlin-Schönefeld, steuert seinen BMW über das stockfinstere Rollfeld. Zehn Minuten später schaltet er im Studio seine Kaffeemaschine und den Computer ein, überfliegt Wetter- und Verkehrsmeldungen, macht sich Notizen. 5.53 Uhr. Er nimmt einen Schluck Kaffee, schwarz und ohne Zucker, setzt Kopfhörer auf, holt das Mikrophon ran und tief Luft.

"Guten Morgen, es ist 5.55 Uhr, hier ist aus dem Radio-Tower Frank Hellberg.

Stauschwerpunkte heute auf der Avus, der A 10, ein brennender Lkw auf der A 11." Kurze Pause, um 6.07 Uhr ein ähnlicher Spruch für einen anderen Berliner Sender. Dann eilt er hinaus zum Hangar. Hellberg hat Mühe, seine langen Beine ins Cockpit der Cessna zu häkeln, er setzt das Headset - Kopfhörer samt Mikrophon - auf, klemmt den Notizblock zwischen Jeansbund und Steuerhorn, schaltet die Sendeanlage hinter dem Sitz ein. Und schon hebt die kleine Maschine ab.

Frank Hellberg ist 36 Jahre alt, Pilot und Verkehrsreporter. Nicht mehr der einzige in Berlin, aber er war der erste, und er ist der cleverste. Es gab in der DDR nur zwei Möglichkeiten, Flieger zu werden: Agrarflug oder Armee. Der diplomierte Agraringenieur entschied sich für die "Düngerbomber". Als nach der Wende Berlin die Stadt mit den meisten Rundfunksendern und den dicksten Staus wurde, kam ihm die Idee für eine neue Dienstleistung: Staumeldungen von oben, dort, wo einer das Ganze übersieht.

Kalt ist es, und dazu weht hier oben in 400 Meter Flughöhe der Herbstwind deutlich böiger als unten. Ein gelbes Lichternetz liegt über den Konturen der Stadt: die Straßenbeleuchtung. Dicke helle Lichtschnüre und schmale rote kriechen aus wirren Knoten nach allen Himmelsrichtungen ins Nichts. Das sind die Autos. Einfach zu viele, ganz klar.

Staumeldungen in Berlin sind so lang wie die Nachrichten, die Sendezeit reicht nur für die wichtigsten. Frank Hellberg hat zu tun: Alle fünfzehn Minuten ist er beim Sender 104.6 RTL auf Sendung, alle halbe Stunde beim Berliner Rundfunk 91,4. Zwischendurch langt er hinter sich, um die Sendeanlage umzuschalten. Außerdem hat er auf die jeweiligen Kontrollzonen der drei Flughäfen Tegel, Tempelhof, Schönefeld zu achten und sich beim Überfliegen, also dauernd, mit dem jeweiligen Tower zu verständigen. Auf englisch, versteht sich.

6.50 Uhr. Plötzlich ist das Lichternetz weg, unten hat jemand die Straßenbeleuchtung ausgeknipst. Häuser und Bäume, Autos und Kräne, Schienen und Schiffe sind jetzt zu erkennen. Der Captain meldet: "Stadtautobahn voll, Stadtring 100 und Ausfahrt Tegel ebenfalls." Und daß ihm die Marzahner leid tun, weil auch die Rhinstraße kein Fluchtweg ist. Strenggenommen ist alles dicht. Im Cockpit ist es eng wie in einer Postkutsche. Und holpriger. Der böige Herbstwind zeigt jetzt, was er kann, schaukelt und schubst das winzige Flugzeug am Himmel herum. Manchmal segelt weit entfernt eine Verkehrsmaschine vorbei.