Es war in der Tat spannend, die Kontroverse über die "Deklaration der Menschenpflichten", die der von Helmut Schmidt geführte InterAction Council ehemaliger Premierminister präsentierte und die vom Altbundeskanzler selbst vorgestellt wurde, von Nummer zu Nummer der ZEIT (41-45) zu verfolgen. Dem etwas eingeweihten Leser drängte sich schon in der Präsentation eine Mutmaßung auf, die sich dann in Nummer 45 bestätigte - die Mutmaßung nämlich, daß von Anbeginn die Arbeit dieser Honoratioren aus fünf Kontinenten aktiv von der Weltethos-Stiftung Professor Küngs unterstützt wurde und wird. Wer die bisherigen Verlautbarungen des Instituts kennt, konnte unschwer den verwandten Tenor der Formulierungen wiedererkennen. Und Hans Küng hat ja nicht gezögert, seine Mitautorschaft zu enthüllen und sich für den Entwurf einzusetzen (ZEIT Nr. 45).

Es war spannend - und niederdrückend. Spannend war schon der offensichtliche Ernst, der hinter dem Unternehmen steht (und der es wahrlich nicht verdient, im Spiegel müd-witzig abgemeiert zu werden). Der IAC macht sich Sorgen, berechtigte Sorgen, um das nächste Jahrhundert und das Schicksal der Menschheit in ihm. Er macht sich Sorgen um Schicksalsschläge, die nicht unbedingt auftreten müssen, für die aber die Menschheit, wenn sie sich ihres Verstandes bedient, globale Vorsorge treffen sollte. Helmut Schmidt und seine Kolleginnen und Kollegen sehen vor allem die Gefahr schwerer Konflikte, die zwischen Kulturen und Regionen mit verschiedenen Wertewelten aufbrechen könnten, und sie bemühen sich deshalb um die Formulierung eines Kodex, der den zentrifugalen Kulturtendenzen des Planeten mit bindender Kraft entgegenwirken könnte.

So weit, so gut. Das Niederdrückende ist aber, daß diese Wirkung verfehlt werden wird - und zwar einfach deshalb, weil dieser Text die eigentliche Herausforderung des nächsten Jahrhunderts nicht erkennt oder nicht berücksichtigt.

Die eigentliche Herausforderung ist die Gattungsfrage, also die Frage nach den Lebenschancen der Menschheit in der Zukunft und die ist nur in einem gesamtbiosphärischen Kontext zu erkennen und (vielleicht) zu bestehen. Sie ist nur dann zu bestehen, wenn die bisher gängigen ethischen Vorstellungen und Imperative von einer neuen Dimension, eben der biosphärischen, überwölbt werden.

Seit die wichtigsten Kulturen der Menschheit aus magischen Verkehrsformen mit der Natur herausgetreten waren und Hochreligionen entstanden, hat sich der Kampf der Gesellschaften gegen ihren eigenen Zerfall auf intersozietales Terrain beschränkt. Die Menschheit (und das heißt zunächst: die Gläubigen der neuen Universalreligionen) erfuhr kulturellen Erfolg oder Mißerfolg in der mehr oder weniger glückenden Integration ethischer Postulate, die sich (fast) ausschließlich mit intersozietalen Verkehrsformen befaßten. Die ganze Dimension der nichtmenschlichen Lebenswelt bezog man, wenn überhaupt, nur randständig in die ethische Architektur ein.

Und genau diesen Stand der Dinge setzt die Arbeit von Küngs Weltethos-Stiftung - und damit die Pflichtenwelt der IAC-Deklaration - voraus. Küng macht dies in seinem Beitrag völlig deutlich:

"So sind denn die neunzehn Artikel der Pflichtenerklärung alles andere als ein beliebiger ,Cocktail', sondern - von jedem Kenner leicht erkennbar - eine in unsere Zeit hinein übersetzte Ausformung der vier elementaren Imperative der Menschlichkeit (nicht töten, stehlen, lügen, Unzucht treiben), die sich trotz aller Glaubensunterschiede in allen großen religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit finden."