Der Himmel hängt voller Seile. Was soll dieses Bild von Thomas Richter-Forgách heißen für das neue Stück des Tanztheaters von Susanne Linke im Bremer Schauspielhaus? Urwald? Galgenstricke? Lebensfäden?

Zu einer Toncollage, aus Musiken von Wolfgang Bley-Borkowski, George Crumb, György Kurtág und - am schönsten, oft Angst machendem - Schweigen komponiert, erleben wir eines der kräftigsten Werke dieser Tänzer-Choreographin, 75 Minuten ohne Pause.

Angekündigt ist das Stück für sechs Tänzerinnen und sechs Tänzer unter dem Titel "Verstrickungen". Man ahnt Stricke, Seile, Bänder, Fädchen, mit denen Menschen verbunden sind. Am Abend der Uraufführung heißt das Stück "La Chute". Das französische Wort benennt (vieldeutig) einen "Sturz", einen Fall.

Das Programmheft zitiert ein Gedicht von Edmond Jabès: "Fallen heißt den Tod durchmessen. / Falle. Grab ..." Im Deutschen hört man bei Fall, spätestens seit Kleists Lustspiel vom "Zerbrochnen Krug", dessen Held auf den Stammvater-Namen Adam getauft ist, hinter jedem literarischen Titel (Camus: "La Chute", Roman von 1956), ein Echo von Adams Sündenfall, wie es der Schreiber Licht, gleich zu Beginn, Kleists Dorfrichter Adam hinreibt: "Ihr stammt von einem lockern Ältervater, / Der so beim Anbeginn der Dinge fiel, / Und wegen seines Falls berühmt geworden."

Ist das für ein Tanzstück nicht sehr weit hergeholt? Keineswegs. Das Beglückende, auch Bedrückende von Susanne Linkes neuem Stück kommt aus so ursprünglicher, urtümlicher Kraft. Verwirrend mag allenfalls sein, daß die Choreographin das Erschrecken nicht nur in reinem Tanz erreicht, sondern auch über den (scheinbaren) Umweg von Requisiten, von Seilen, Tauen, Seilzügen, von dem, was in allen Hafenstädten noch heute, wenn auch nur als Straßenname Reeperbahn, zu finden ist: dem niederdeutschen Reep (neuhochdeutsch: Reif, Ring), dem dicken oder dünnen, mehrfach verzwirnten Seemanns-Seil, dem Anker-Tau, dem Galgenstrick, dem Freundschafts-, ja Ehe-Band.

Oft hat Susanne Linke als Choreographin mit Tüchern, Netzen gearbeitet. Wenn nun lose oder verknotete Taue, gleich hundertfach, über der leeren Bühne hängen, hält sich die Erwartung in Grenzen. Einer oder mehrere Tänzer robben auf dunklem Boden. Eine, bald mehrere langhaarige Janes schwingen sich in das Gewirr der Lianen, hängen kopfunter, schaukeln in zwei verknoteten Tauen wie in einer Hängematte, kraxeln wie anmutige Äffchen herauf, herab. Fehlt nur noch Tarzan.

Wenn man denkt: das war's - treibt die Choreographin ihr scheinbar harmlos verspieltes Stück in ein beängstigendes Finale. Erlischt das inszenatorische Feuer mancher Stücke fürs Tanztheater nach den ersten dreißig, vierzig Minuten, so steigert sich diese Choreographie zum Ende hin. Kaum zu glauben: eine Strindbergiade auf dem Schnürboden. Aneinandergekettet: ein Elendshaufen von lauter Einsamen. Hochseil-Artisten beim Bodenturnen. Einzelkämpfer im Schützengraben. Wir Menschenkinder auf der Reeperbahn der verfehlten Liebe, des nie er reichten Glücks. Wie erreicht die Choreographin so herzzerreißende Spannung?