Zwei Attacken auf den guten Geschmack. Zwei Generalabrechnungen - As und Lusche. Der eine Film bedient den Geschmack der grölenden Mehrheit: Rund zwei Millionen Besucher kann "Ballermann 6" mittlerweile verzeichnen, Besucher, die im Kino das Wasser nicht halten und die Polstergarnituren zerfetzen. Sie erhöhen den Skandalwert und steigern den Umsatz.

Der andere Film, "Die 120 Tage von Bottrop" von Christoph Schlingensief, erreicht dagegen nur eine qualifizierte Minderheit von Trash-Connaisseuren.

Bei einer Aufführung am vergangenen Sonntag, weit draußen in der Hamburger Vorstadt (Taxi, hin und zurück: 80 Mark), verlor sich im Saal (Fassungsvermögen: 200 Leute) gerade mal 1 Besucher (ihr Berichterstatter).

Ein exklusives Skandalerlebnis also, Auge in Auge mit dem Bösen kein raschelnder Nachbar, der stört.

Schlingensief läßt in seinem letzten "neuen Deutschen Film" noch einmal alle Untoten aus der Fassbinder-Ära defilieren: Margit Carstensen, Irm Hermann, Udo Kier, Helmut Berger. An Pasolini erinnern ein paar nackte Männerkörper, die dekorativ durchs Bild gepeitscht werden. Viel eher ist der Film eine Variation über Fassbinders "Warnung vor einer heiligen Nutte": ein Filmteam im Zustand der Selbstauflösung, Warten auf den Star, Streit, Exzeß, Lähmung, Ekel. Fassbinders Versuch einer Selbstanalyse kippt beim Schlingensiefschen Elchtest endgültig in den Wahnwitz. "Die 120 Tage von Bottrop" sind der ultimative Grabstein für Oberhausen. Doch jenseits der Festivals und des Feuilletons kuckt mal wieder kein Schwein. Das Bürgertum bleibt unter sich, wenn der ungeratene Sohn die Hose herunterläßt.

Wie man's richtig macht, zeigt Tom Gerhardts "Ballermann 6". Lustig sind nicht nekrophile Witzchen über Kurt Raab, lustig sind Körper, die die simpelsten zivilisatorischen Kontrollfunktionen nicht beherrschen: In "Ballermann" wird uriniert, defäkiert und vomitiert, daß die Kotzbrocken nur so fliegen. Statt der Zahnbürste nimmt man den Klobesen, und das Paradies ist im größten Sangria-Eimer der Welt. Da tanzt der Bär, da kriegen die Schweine Flügel. "Ballermann" feiert den Proleten, dem es grunzegal ist, ob nun die Mehrwertsteuer oder die Mineralölsteuer erhöht wird. Utopie ist kein fernes Leuchten der Vernunft am Horizont, sondern Trash-Disco und Sonnenbrand, Sauerkraut-Wettfressen und Vogeltanz - das Machbare eben. "Ballermann" ist hartes Klassenkino, das alle feinen Unterschiede niedertrampelt. Nebenbei nehmen seine Protagonisten, die Vollidioten aus Köln-Kalk, den Bürgern noch ihre erlesenen Spielsachen, die Kuschel-Kätzchen, Golfbälle und Gespielinnen, weg.

So hat sich Marx das zwar bestimmt nicht vorgestellt, aber selbst im "Ballermann" steckt eine emanzipatorische Geste: Im Zeitalter der Wertschöpfung ohne Arbeit läßt sich der Blaumann nicht mehr auf Ethik, Moral und andere vernünftige Bürger- und Labertugenden verpflichten. Statt des Herzogschen Rucks geht jetzt der Schluck durchs Land.