Der alte Mann pult mit blutigen Fingern in dem noch zuckenden Hühnchen herum. Er löst erst den rechten und dann den linken Beinknochen heraus, hält beide hoch und vergleicht todernst die Gebeine. Im Hintergrund knistert das Feuer in der schummrigen Bambushütte im äußersten Norden Thailands.

Der 62jährige Thuhka hat Sinn für Dramaturgie - erst nach einer kleinen Ewigkeit sagt er: "Das ist ein gutes Omen für das nächste Jahr." Im Orakel des erfahrenen Geistheilers geht es allerdings nicht um die Ernteerträge von Reis, Schlafmohn oder Ingwer, auch nicht um das Schicksal der Tochter im fernen Bangkok - nein, gefragt war die Zahl der Touristen, die das Karen-Dorf in der kommenden Urlaubersaison besuchen werden ...

Blühende Mohnfelder und im dichten Dschungel versteckte Heroinfabriken, der Schmuggel von Menschen, Teakholz und Waffen über eine unwegsame grüne Grenze, ein unüberschaubares Gemisch aus Rebellengruppen und ethnischen Minderheiten, eine trotz Brandrodung und Kahlschlag überwältigend schöne Berglandschaft mit Achterbahnstraßen, nicht enden wollenden Serpentinen und Wasserfällen - seit den siebziger Jahren hält sich unverwüstlich der Mythos der Region, und selbst die staatliche Touri smusbehörde malt fleißig am Bilderbuch "Goldenes Dreieck" mit. Der thailändische Norden im Dreiländereck zwischen Thailand, Laos und Birma übt noch immer eine ungeheure Faszination auf westliche Touristen aus - auch nach mittlerweile rund zwanzig Jahren Trekkingtourismus.

Und der bringt Millionen von Dollar. Die Nachbarländer im ehemaligen Indochina schielen neidisch auf ihren erfolgreichen Nachbarn. Schon stehen auch dort buntgekleidete Minoritäten Spalier, um die weitgereisten Fremden mit ihren Volkstänzen zu beglücken, ihnen noch Ursprünglicheres zu bieten.

Auch die Geister konnten die modernen Zeiten in den Bergen Thailands nicht aufhalten. In den abgelegensten Bergdörfern hinter Mae Hong Son erspäht der Besucher hin und wieder Pumas - nicht im Urwald, an den Füßen seiner Gastgeber. Beim Handeln um das ultimative Souvenir aus dem Norden - ein Glücksarmband aus Früchtesamen - ermittelt das Lisu-Mädchen in der bunten Tracht den Preis per piepsendem Taschenrechner: fünfzig Pfennig. Ihr Bruder trägt stolz die Farben der deutschen Nationalmannschaft - mit der Rückennummer von Kapitän Klinsmann.

In Nordthailand leben 500 000 bis 700 000 Angehörige verschiedenster chao khao, Bergvölker: Karen, Akha, Lisu, Lahu, Meo, Yao und einige Splittergruppen - alle befinden sich in der Übergangsphase von uralter Tradition zur Modernität, vom Opium- zum Konsumrausch. Manch ein Familienoberhaupt verhökert die Jüngsten für den Gegenwert eines Mofas oder TV-Geräts an die Bordellagenten: Elf Jahre jung sind die Akha-Mädchen, die den Wellblechbordellen der Grenzstadt Mae Sai ihre Dienste offerieren.

Diese Entwicklung beschäftigt die thailändischen Forscher des Tribal Research Institute an der Uni in Chiang Mai. "Die Familien der Bergvölker denken immer materieller und verschulden sich oft. Wenn die Eltern sich auch noch trennen oder ein Elternteil stirbt, aidskrank oder heroinabhängig ist, dann verkaufen sie häufig ihre Töchter", sagt Direktor Prasert Chaipigusit.