Dieter E. Zimmer: "Rechter schreiben", ZEIT Nr. 44

Wenig bedacht wird die Situation vieler Schüler, die schon nach neuer Rechtschreibung lernen und nochmals umlernen müßten. Wenig bedacht wird, daß die ersten Erfahrungen gut sind: Schüler vermeiden unnötige Fehler. Wenig bedacht wird: Nicht die Sprache wird verändert, sondern nur einige Schreibweisen. Wenig bedacht wird auch: Schulen und Verlage haben bereits erheblich investiert - was würde in Zeiten knapper Kassen aus den neuen Büchern? Wer soll den Ersatz bezahlen? Daher muß die Rechtschreibreform unbedingt bleiben. Jürgen M. Lohmann, Dinslaken

Rechtfertigt eine - angeblich - Fehlerreduzierung von einigen Prozent in Schülertexten eine Reform, die nach Auffassung vieler keine ist und doch enorme Summen kostet sowie einen beispiellosen Einsatz von "Humankapital" erfordert? Nichts anderes als das Wissen um eine mißglückte Reform hat die Sprachwissenschaftler und Schriftsteller sowie Hunderttausende von sprachbewußten Bürgern auf den Plan gerufen. Nichts anderes als das drohende kulturpolitische Desaster hat die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung veranlaßt, eine eigene Reformkommission zu berufen. Nichts anderes als der "Vereinfachungswahn" und eine unsinnige "Sprachplanung" der Reformer haben Professor Munske dazu bewogen, der Rechtschreibkommission den Rücken zu kehren. Wenn Munske erklärt, daß "die Überrumpelungsaktion gestoppt werden muß", so sollte dies alle demokratisch Denkenden in unserem Lande hellhörig machen.

Erwin Doetsch (Neuphilologe), München

Mit Ratgebern wie Zimmer würde selbst aus der ZEIT "am Ende allen Deutsch Schreibenden nur noch ein Gespött" denn in ihr der barocken Getrenntschreibung der "neuen Schulorthographie" zu begegnen wäre den meisten Lesern wirklich ein "Gräuel". Der verunsichernde "Bürgerkrieg" tobt freilich auch im Inneren der amtlichen Neuregelung: Herr Zimmer hätte sich überhaupt nicht mit Paragraph 57 auf die Getrenntschreibung einzulassen brauchen, da Paragraph 37 genau umgekehrt zum Zusammenschreiben rät - allen Deutschschreibenden. Dergleichen Ungereimtheiten stilisieren die Reformer zu "Freiräumen" hoch, als ob dem Sprachbenutzer mit funktionslosen Doubletten gedient wäre. Nein, die Schludrigkeit des ganzen Unternehmens zeigt sich hier, der Mangel an interner Koordination und vor allem das Fehlen jeglicher Kontrolle von außen.

Prof. Dr. Helmut Jochems, Kreuztal

Ich kann mich nur wieder wundern über die Blindheit des Autors gegenüber den Verursachern und den offensichtlichen Mängeln der "so genannten" Rechtschreibreform, die er - verräterisches Wort - als "Schulorthographie" herunterzureden versucht. Den tatsächlich drohenden Verlust der bisherigen Einheitsschreibung und den angeblichen "Bürgerkrieg" darum haben einzig die "so genannten" Kultusminister zu verantworten. Sie hätten sich darauf beschränken sollen, ein paar zopfige Schreibweisen zu vereinfachen, statt ein Kunstgebilde in die Welt zu setzen, das einer immanenten und lebendigen Sprachentwicklung gerade entgegenläuft. Und wichtige gliedernde Kommas wegzulassen - welch genialer Einfall der "Schulorthographen"!