Die Schriftsteller, die gegen die Neuregelung der Schulorthographie protestiert haben, taten es meist mit dem Argument, jede orthographische Veränderung wäre eine "Sinnentstellung". Eine österreichische Autorenerklärung vom Juni 1997 etwa behauptete: Die Anwendung der Neuregelung auf ihre Texte wäre eine Verletzung der "Eigentümlichkeit geistigen Ausdrucks" und darum ein Eingriff in das "Urheberpersönlichkeitsrecht". Diese neuentdeckte Doktrin erklärt die Autorenorthographie für sakrosankt.

Sie hat die Literaturgeschichte gegen sich, wie das folgende Beispiel zeigt, die erste Strophe eines bekannten Gryphius-Sonetts durch dreieinhalb Jahrhunderte. Immer haben neue Ausgaben die Orthographie dem aktuellen Stand angepaßt. Nur in historisch-kritischen Ausgaben können Fachleute nachlesen, wie Grimmelshausen oder Goethe wirklich geschrieben haben. Auch viel brachialere Änderungen als die jetzige haben den Sinn ihrer Texte nicht entstellt. Ganz im Gegenteil, sie haben die wachsende Distanz zum Sinn der Texte geringer gehalten. Dem richtigen Sinnverständnis späterer Leser droht eine ganz andere Gefahr: der Bedeutungswandel, das Absterben einzelner Wörter.

Solange sie ihnen wichtig genug ist, sollen Schriftsteller Verlagen gegenüber durchaus auf ihren eigenen Schreibungen bestehen, vor allem dort, wo sie nicht einfach der geltenden Schulorthographie gefolgt sind, sondern sich eigene Regeln gemacht, also etwas dabei gedacht haben. Das Recht, für alle Zeiten nur in der Urorthographie gedruckt zu werden, beanspruchen sie aber besser nicht. Es machte ihre Texte von vornherein zu Fossilien. So ist es auch in der Sprache: Was dieser heute bawt, reist jener morgen ein.

Andreas Gryphius Es ist alles eitell DV sihst / wohin du sihst nur eitelkeit auff erden.

Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein: Wo itzund städte stehn / wird eine wiesen sein Auff der ein schäffers kind wird spilen mitt den heerden.

Erstdruck 1643 Es ist alles Eitel Du siehst / wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden.

Was dieser heute baut / reist jener morgen ein: Wo ietzund Städte stehn / wird eine Wiese seyn / Auf der ein Schäfers-Kind wird spielen mit den Herden.