BERLIN. - Korruption, so lautet eine weitverbreitete Auffassung, ist vor allem ein Problem der Entwicklungsländer. Eine Anekdote mag dies veranschaulichen. So antwortete mir jüngst der Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten auf meine Bitte um Zusendung einer Pressemitteilung seines Chefs vom Vortag, dies könne er nicht ohne Rücksprache und Genehmigung tun. Ich sei als Mitarbeiter einer Antikorruptionsorganisation daran interessiert? Um so schwieriger sei die Erfüllung meiner Bitte, denn Korruption sei ein heikles Thema, das Deutschland zudem ja kaum betreffe.

Wenn überhaupt, müßte ich meinen Wunsch erst schriftlich formulieren. Die Ironie der Geschichte: Die vermeintlich brisante Presseerklärung setzte sich ausgerechnet mit dem Thema "Offenlegung von Nebentätigkeiten und Zusatzeinkünften von Abgeordneten" auseinander.

Was solcherart Transparenz - das wirksamste Gegenmittel gegen Korruption und Interessenkollisionen - betrifft, ist Deutschland in der Tat ein Entwicklungsland. Nicht nur, daß es in der Bundestagsgeschäftsordnung an wirksamen Regelungen etwa zur Offenlegung von Nebeneinkünften oder Mandaten in Vorständen oder Aufsichtsräten mangelt. Es fehlt vor allem das Bewußtsein dafür, daß berufliche Nebentätigkeiten die Fähigkeit gewählter Volksvertreter beeinträchtigen können, im öffentlichen Interesse zu handeln. Anders jedenfalls ist es kaum zu erklären, daß von den 672 Bundestagsabgeordneten nicht einmal eine Handvoll regelmäßig ihre Ämter, Mandate und Einkünfte offenlegt - freiwillig. Kaum vorstellbar wäre hierzulande etwa jener Akt politischer Hygiene, bei dem in Großbritannien Abgeordnete ihre Mandate verloren, weil sie sich ihre Anfragen an die Regierung im sogenannten cash for questions-Skandal von Lobbyisten bezahlen und auf diese Weise diktieren ließen.

Deutschland ist nun, wie auch bei der steuerlichen Absetzbarkeit im In- und Ausland gezahlter Schmiergelder, dabei, einem weltweiten Trend zu mehr Offenheit nachzulaufen. Sogenannte Entwicklungsländer sind längst weiter: So veröffentlichten jüngst die Staatspräsidenten von Nicaragua und Tansania ihre Einkommens- und Vermögensverhältnisse und die ihrer Ehegatten. Auch wenn Nicaraguas Präsident Aleman dabei zugeben mußte, mehrfacher Millionär zu sein - zumindest weiß die Öffentlichkeit nun, woran sie ist. Auch Südafrikas Parlamentarier unterliegen ähnlichen Transparenzgeboten. Die offizielle deutsche Entwicklungspolitik übrigens lobt und fördert solche Schritte unter dem Stichwort "good governance". Sollte aber, was für den Süden gilt, nicht auch für Deutschland gelten? Wer als gewählter Politiker öffentliche Belange wahrnehmen will, muß auch bereit sein, über Nebeneinkünfte Auskunft zu geben andernfalls drohen seine Privatinteressen mit dem öffentlichen Mandat in Konflikt zu geraten.

Natürlich ist es legitim, wenn die Vertreter privater Interessen versuchen, Einfluß auf politische Entscheidungsträger zu nehmen. Sei es durch Spenden an wohlgesonnene Abgeordnete oder durch direkte Einbindung in Form von Vorstands- oder Aufsichtsratsposten. Bedenklich für die demokratischen Spielregeln wird es dann, wenn die Gebote der Offenheit politischen Handelns mißachtet werden. Bislang müssen Spenden erst ab einer Höhe von 20 000 Mark jährlich offengelegt werden. Einkünfte aus Tätigkeiten in Aufsichtsräten oder Vorständen von Unternehmen müssen nur dann genannt werden, wenn sie einem Abgeordneten erstmals während seiner Zeit im Bundestag zufließen.

Dabei hat der Wähler doch durchaus Anspruch darauf, zu wissen, ob der Abgeordnete, der im Jugend- und Familienausschuß des Bundestags Politik für Jugend und Familie macht - um ein fiktives Beispiel zu nennen -, nicht auch einen lukrativen Posten im Vorstand eines Spielautomatenherstellers innehat.

Wäre es nicht auch an der Öffentlichkeit, zu entscheiden, ob, wer neben dem Vollzeitjob im Bundestag noch Zeit für die Kanzlei oder die Verbandsarbeit hat, wirklich ein wirksamer Volksvertreter sein kann?